«Wir passten auf uns selbst auf»

Einst standen im Wettinger Lindenhof nur die äusseren Häuser. Ein Paradies, um ­aufzuwachsen, wie sich ein Zeitzeuge erinnert.
Der Wettinger Marcel Zaba genoss seine Kindheit, genauso wie sein jüngerer Bruder (Bild), im Quartier Lindenhof. (Bild: zVg)

Wettingen – Marcel Zaba weiss noch genau, wie der Lindenhof vor gut 60 Jahren ausgesehen hat. «Dort hinten stand eine riesige Blutbuche. Unter ihren Ästen fühlte man sich wie in einem Zelt», sagt er beim Rundgang durch das Quartier. «Und bis hier reichte das Feld, dort war Wiese, und dort drüben stand das Lindenwäldchen.» Der kleine Forst war Namensgeber der Siedlung, in der Zaba aufgewachsen ist. Damals standen nur die Häuser an der Staffelstrasse und die heute gelb gestrichenen Blöcke. Dazwischen erstreckte sich ein weitläufiger, geschützter Spielraum. «Wir lebten mit einem Gefühl von Freiheit und Gemeinsamkeit», erinnert sich der 69-Jährige, «es war fantastisch.»

Man schrieb die 50er- und frühen 60er-Jahre. In Wettingen stand erst rund ein Fünftel der heutigen Bauten. Frühmorgens zog der Milchmann von Haus zu Haus. Im heutigen Kunst-Egge gab es einen Konsum (später: Coop), im Volg-Gebäude eine Migros. Sehr vieles besorgte man jedoch auf dem Wochenmarkt auf dem Rathausplatz, wo alles in Zeitungen verpackt wurde, selbst der Fisch. Die Winter waren noch so kalt, dass man auf dem Altenburg-Tennisplatz eislaufen konnte.

Sorgloser Kinderalltag
Marcel Zaba lebte mit den Eltern und zwei Brüdern im heutigen Haus Nr. 14 im Parterre. Die Tür zum Sitzplatz führte direkt ins Spielparadies. «Meine Mutter konnte am Morgen sozusagen den Stall aufmachen und uns herauslassen», sagt er schmunzelnd, «und wir haben uns den ganzen Tag selbst beschäftigt.» So etwas wie ­Helikoptereltern habe es damals nicht gegeben. «Und auch an möblierte Spielplätze erinnere ich mich nicht.» Stattdessen traf sich die Kinderschar zum Fussballspielen auf der Wiese oder baute Hütten. Wenn der Siedlungsabwart gemäht hatte, legten sie aus dem geschnittenen Gras Häusergrundrisse und spielten darin Familie. Die Mulden, die es damals noch zwischen den Parterresitzplätzen gab, wurden zur Manege für Zirkusvorstellungen.

In vielem waren die Kinder furchtlos. «Wir schnetzelten und assen ­Regenwürmer», erzählt Marcel Zaba. «Wenn es geregnet hatte, spielten wir Kühe und Schafe und tranken aus den Pfützen, selbst wenn Öl von den parkierten Autos darin schwamm.» Im Frühling rieben sie sich gern mit ­Löwenzahnblüten ein, um sich selbst gelb zu färben, bis sie Hautausschlag bekamen.
Als sie älter wurden, weiteten die Buben und Mädchen ihr Revier aus: bis zum Schartenfels, auf den Buessberg oder ins Eigi. Im Tägerhard bauten sie eine Baumhütte, im Teufelskeller betrieben sie «Höhlenforschung». Auf der Eisenbahnbrücke legten sie Ein- oder Zweiräppler aus Kupfer auf die Schienen und warteten, bis der Zug kam und sie plattwalzte. 

«Unsere Mütter wussten oft nicht genau, wo wir gerade waren», sagt Marcel Zaba, aber das habe ihnen nichts ausgemacht. «Entweder hatten die Eltern keine Angst um uns oder sie haben es uns nicht gezeigt.» Ohne Erwachsene hätten die Kinder indes gelernt, Konflikte selbst zu lösen. Seine Mutter war als Handarbeitslehrerin voll berufstätig. Von ihr schaute sich der kleine Marcel die Fertigkeiten ab, mit denen er später als Kostüm- und Bühnenbildner Karriere machen sollte. «Es kam eine Frau, um das Mittagessen für uns zu kochen und zu putzen, wir hatten also eine Ansprechperson. Aber grösstenteils passten wir selbst auf uns auf», sagt Zaba. 

Traditionell vielfältig
Im Lindenhof ging es schon zu Marcel Zabas Kindertagen international zu. Die Häuser waren von der BBC-Pensionskasse erbaut worden, der Konzern brachte in den Wohnungen seine Mitarbeitenden unter. «Sämtliche Männer arbeiteten bei der BBC», weiss der ehemalige Wettinger, «darunter Waadtländer, Tessiner, Spanier und Ungarn.» Zaba selbst hat polnische Wurzeln. Sein Vater war im Zweiten Weltkrieg als polnischer Internierter in der Schweiz gelandet. Später studierte dieser an der ETH und wurde Maschineningenieur bei der BBC. Zabas Mutter verlor durch die Heirat mit einem Ausländer das Schweizer Bürgerrecht und konnte den Pass erst später im Rahmen einer behördlichen «Amnestie» wieder beantragen. Ihre Geschichte ist zusammen mit weiteren Ausbürgerungsschicksalen – von denen viele weniger glimpflich verliefen – im Buch «Die verlorenen Töchter» der Historikerin Silke Redolfi nachzulesen. Diese diskriminierende Praxis empört Marcel Zaba noch heute. 

Und wie sieht er den jetzigen Lindenhof? «Die Verdichtung mit den versetzten Blöcken ist sehr gelungen», findet er. Noch immer gebe es Freiraum. Und die Nähe zum Schulhaus Altenburg sei praktisch. «Ich ging damals erst los, wenn die Schulglocke das erste Mal läutete.» Gut möglich, dass es einige der Lindenhof-Kinder heute noch so machen.