Ein Jahr nach dem UKW-Ausstieg

Welche Empfangstechnologie darf es sein? (Bild: Archiv)

Ernst Werder im Interview mit der Rundschau.

Ernst Werder, hat Sie die Entwicklung in dem Jahr nach der UKW-Abschaltung der SRG überrascht?
Nein, mich hat es nicht überrascht. Es wurden in der Diskussion Zahlen genannt, die einfach nicht stimmen. In Bundesbern hat man immer von 47 Prozent Hörerverlust bei der SRG gesprochen, was natürlich absoluter Nonsens ist. Man hat ungefähr 16 Prozent verloren – und damit hat man gerechnet. Man hatte die Erfahrungen aus Norwegen, das bereits 2017 UKW abgeschaltet hat. Heute hat man dort ein Drittel mehr Hörende als in der UKW-Zeit.

Was mich aber überrascht hat, waren die Reaktionen der privaten Radiosender. Bis vor ein paar Jahren haben sich National- und Ständerat überhaupt nicht für DAB interessiert. Und warum das Bundesamt für Kommunikation (Bakom) die Führungsrolle abgegeben hat, ist mir vollkommen schleierhaft. Denn dort sitzen die Menschen mit dem Fachwissen.

Die Abstimmung im Ständerat zur Verlängerung der UKW-Funkkonzessionen war denkbar knapp (21 zu 18 Stimmen, 5 Enthaltungen).
Es hatten sich alle zusammen auf den UKW-Ausstieg geeinigt, und an ihr Wort gehalten hat sich letztendlich nur die SRG. Ich bin wirklich frustriert. 84 Millionen hat es auf dem Papier gekostet. Was meinen Sie, wer das bezahlt hat? Das ist Steuergeld.

Und dann heisst es immer, wir müssen darauf achten, dass wir im Winter genug Strom haben. Alle Privatradiosender haben ein UKW-Netz, was Strom braucht, und ein DAB-Netz, welches ebenfalls Strom braucht. Und auf beiden Netzen läuft genau das Gleiche. Das DAB-Netz allein kostet zwischen 12 und 16 Millionen Franken Unterhalt im Jahr.

Man hat immer gelesen, die SRG habe durch die Abschaltung eine halbe Million Hörerinnen und Hörer verloren.
Die genaue Zahl, nach der neusten Messung von diesem Montag, lautet 485’000 Hörer und Hörerinnen. Insgesamt hören heute rund 3 Millionen Personen einen der SRG-Sender. 

Was bedeutet die Entscheidung des Ständerats konkret?
Diese Entscheidung wird jetzt natürlich Kosten generieren. Im Laufe des Jahres wird das Bakom die UKW-Frequenzen, die die SRG zum Beispiel nicht mehr hat, neu ausschreiben. Mit der Einführung von DAB wollte man die Vielfalt des Radios stärken. Ich bin überzeugt, dass sich nun auch DAB-exklusive Sender auf die UKW-Frequenzen bewerben werden. Aber insgesamt gab es schon vor 20 Jahren zu wenig UKW-Frequenzen.

Von was für einem Zeitraum sprechen wir denn überhaupt, wenn wir von einer Verlängerung von UKW sprechen?
Das Bakom rechnet eigentlich mit fünf Jahren, also bis 2032. Aber die Privaten wollen lieber zehn weitere Jahre, und von mir aus kann man dann gleich sagen: Komm, wir lassen das noch weiterlaufen.

Im Ständerat sprach man von einer Wettbewerbsverzerrung zugunsten der Privaten, weil die SRG sich an alle gemeinsamen Absprachen gehalten hat und vorangegangen ist.
Das ist eine Wettbewerbsverzerrung. Es gibt mittlerweile etwa 45 nicht kommerzielle Radios, die ausschliesslich auf DAB senden. Das DAB+-Netz wurden extra für diese Radiosender aufgebaut. UKW ist für nicht kommerzielle Radios viel zu teuer.

Die SRG will nun die nötigen Abklärungen für eine Rückkehr auf UKW treffen.
Die SRG hat mit der kommenden Abstimmung natürlich noch eine ganz andere Baustelle. Es gibt nicht diesen einen Schalter, den man nur umlegen muss, und schon ist man wieder zurück auf UKW.

Wie weit fortgeschritten ist der Rückbau, beziehungsweise die Abschaltung, von UKW?
Es gab bereits auch bei den Privatradios eine sogenannte Ausdünnung, also Regionen, in denen UKW nicht mehr empfangen wird. Ob die SRG wieder alle UKW-Sender hochfahren kann, bezweifle ich.

Gibt es denn neue Zahlen zur DAB-Verbreitung in der Schweiz?
Es gab eine repräsentative Telefonumfrage mit 5000 Teilnehmenden. Das Ergebnis war, dass rund 85 Prozent DAB+ hören.

Ein Thema waren zudem noch die älteren Autos, welche über keine DAB-fähigen Radios verfügen.
Die Zahl der 1,7 Millionen Fahrzeuge ohne DAB-Empfänger, wurde von mir erhoben. Allerdings muss man diese Zahl genau betrachten. Nur 72 Prozent der Autofahrenden hören überhaupt Radio. Dann wären wir ungefähr bei einer Million. Dann gibt es Zweit- und Drittfahrzeuge, die nicht bewegt werden. Also kommt man nur auf 900 000 relevante Fahrzeuge. Und dann verbringen wir durchschnittlich nur 15 Minuten im Auto pro Fahrt. Da kann man sich schon fragen, wie relevant diese Zielgruppe ist.

Ein anderes Argument war der Stellenabbau und die Medienvielfalt, die in Gefahr sei.
Ich würde sagen, dass der Stellenabbau bei der SRG nichts mit der Technologie zu tun hat.

Und bei den Privaten? Das Argument lautete: kein UKW, keine Werbeeinnahmen.
Nur weil ein Privatradio aus Zürich auf DAB+ ausstrahlt, wechseln die Hörenden nicht plötzlich alle zu einem Radiosender aus Deutschland. Ein gutes Privatradio auf Mundart kann seine Hörer und Hörerinnen an sich binden, unabhängig von der Technologie. Der Werbende, der seine Pizza in Zürich verkaufen will, der geht doch nicht zu Ö3. Das Problem der Privaten ist, dass sie zwei Netze parallel finanzieren müssen. Und ich hoffe, dass der Bund nicht weich wird und ihnen dabei unter die Arme greift.

Also ist das UKW-Comeback von allen Beteiligten zu kurzfristig gedacht.
Ja, ich glaube, das wird ein Bumerang. Wenn man zukünftig eines der Netze abschalten will, dann ist es UKW.

Der geplante UKW-Ausstieg wurde ja bereits mehrmals verschoben. Da kommt einem schon der Gedanke: Können wir überhaupt noch Technologiewechsel?
Ich verstehe es auch nicht ganz. Wir wechseln unser Smartphone alle 4 bis 5 Jahre, das stört niemanden. Fernseher alle 5 bis 6 Jahre, ein Notebook alle 5 Jahre. Irgendwann stellt der Hersteller die Updates ein, da laufe ich auch nicht zum Ständerat.

Wie geht es weiter? Wie lange hält diese UKW-Welle?
Die Werbeeinnahmen werden nicht grösser, aber die Ausgaben schon. Die UKW-Netze müssen saniert werden, die DAB-Netze müssen unterhalten werden. Irgendwann werden die Kosten für einen Umstieg sorgen. Aber vielleicht ist das nur meine Meinung.