Zwischen Gerichtssaal und U-Boot

Das Theater Lampefieber führt im Rahmen der Festivitäten von «Disput(N)ation» das Stück «Disputissima – wer hat das letzte Wort?» auf.
Erste Bühnenerfahrung mit dem Theater Lampefieber sammeln. (Bild: Archiv)

Baden – Vor 500 Jahren fand in Baden ein öffentliches Streitgespräch zwischen Vertretern der altgläubigen Kirche und der Reformation statt, das den konfessionellen Dialog langfristig prägte und bis heute als Modell für einen respektvollen Streit gilt. Heftige Auseinandersetzungen und Meinungsverschiedenheiten sind nicht immer destruktiv. Sie können auch neue Wege eröffnen.

Das Kinder- und Jugendtheater Lampefieber widmet sich in seiner neuen grossen Theaterproduktion, die dieses Jahr am 20. und 21. März im Rahmen des Jubiläums «Disput(N)ation» in der reformierten Kirche ­Baden gezeigt wird, dem Thema Streit. «Wir haben mit unseren jungen Kursteilnehmerinnen und -teilnehmern viel darüber diskutiert, was für sie ‹streiten› bedeutet und welche ­Gefühle hochkommen, wenn man mit jemandem im Clinch ist», erzählt Theaterschulleiterin Simona Hofmann. Dabei haben die Heranwachsenden wertvolle Erfahrungen gemacht. Zum Beispiel, dass es sich lohnt, manchmal mutig zu sein und seine eigene Meinung zu vertreten. Aber ebenso, dass es zu keinem Ziel führt, wenn alle dauernd recht haben wollen. In Rollenspielen lernten sie, ihre Perspektive zu wechseln und ­damit mehr Verständnis für andere Ansichten aufzubringen. «Letztlich liessen wir sie entdecken, wie eine gute Streitkultur funktionieren könnte, ohne zerstörerisch zu sein», sagt Simona Hofmann.

Aus den Skizzen, Stichworten, kleinen Filmen und Fotos, die daraus entstanden, entwickelte sie mit dem Sprachlehrer und Theaterschaffenden Fearghal Leddy die Theaterproduktion «Disputissima – wer hat das letzte Wort?». Die grosse Herausforderung war, alle Puzzleteile zu einer homogenen Geschichte zusammenzufügen und gleichzeitig alle Kinder und ­Jugendlichen mit ihren unterschied­lichen Talenten glänzen zu lassen. Wer schon etwas mehr Erfahrung hatte, bekam eine umfangreichere Sprechrolle als beispielsweise die kleinsten Kinder, die dafür in den ­Akrobatik- und Tanzsequenzen brillieren dürfen. Auf der Bühne stehen über 60 Mitwirkende im Alter von 6 bis 16 Jahren.

Das Kinder- und Jugendtheater Lampefieber geht im Rahmen der «Disput(N)ation» auf Tauchfahrt. (Bild: zVg)

Es wird tief getaucht
«Disputissima – wer hat das letzte Wort?» entführt das Publikum in einen Gerichtssaal. Dort sind allerdings keine Menschen angeklagt, sondern das Wörterbuch. Denn sind es nicht oft die Worte mit ihrer immensen Macht, die so zerstörend wirken und die Ursache allen Übels sind? Physische Gewalt ist schlimm. Aber genauso schlimm kann verbale Gewalt sein. Sind also Worte schuld an all unseren Konflikten? Oder sind gerade sie das einzige Werkzeug, um Probleme zu lösen?

Während Paragrafen zitiert, Expertinnen und Experten befragt und leidenschaftliche Plädoyers gehalten werden, spielt sich parallel eine zweite Geschichte ab: Ein U-Boot taucht in die Tiefsee auf der Suche nach dem sagenumwobenen «Hammer der Wahrheit». Zwischen Druck, Dunkelheit und überraschenden Wendungen stellt sich die Crew einer ­Mission, die mehr über Macht und Manipulation verrät, als zunächst sichtbar ist.

Projizierte Unterwasserwelt
Als Kulisse für das Stück kreiert der Grafiker Urs Dätwiler mit fünf Beamern eine fantasievolle digitale Unterwasserwelt an den Wänden des Kirchenschiffs. Hinzu kommt Orgelmusik von Jens Hoffmann, die das Publikum von der Welt im Gerichtssaal in die Tiefen des Meeres eintauchen lässt. Zurück im Gerichtssaal spitzt sich die Situation mehr und mehr zu. Die Jury, die über Schuld oder Unschuld entscheiden soll, ringt mit ­Unsicherheiten. Was ist für ein Urteil massgebend? Bauchgefühl oder Fakten? Lautstärke oder Argument? Und wer entscheidet überhaupt, was richtig oder was falsch ist?

Kurze, witzige und zum Nachdenken anregende Texte werden mit Showelementen kombiniert, welche die Zirkusschulleiterin und Ballettlehrerin Olga Krasnopolska und die Akrobatiklehrerin Flavia Strebel vom Kinder- und Jugendtheater Lampefieber mit den Kursteilnehmenden einstudiert haben. Dank einer Livecam, die vom 16-jährigen Lampefieber-Mitglied Julian Kuhn bedient wird, sind auch die Zuschauerinnen und Zuschauer in den hinteren Rängen hautnah beim Bühnengeschehen dabei. Eyecatcher sind zudem die Kostüme, auf die sich die jungen Darstellerinnen und Darsteller ganz besonders gefreut haben. Der im Stück enthaltene Song «Disputissima» hat Hitpotenzial – er wurde als Versuchsballon mithilfe von künstlicher Intelligenz komponiert. «Disputissima – wer hat das letzte Wort?» verspricht ein lebendiges Spiel über Streitkultur und verbindet philosophische Fragen mit kindlicher Direktheit. «Die Kinder sind sehr motiviert und freuen sich darauf, auf der Bühne zu stehen», meint Simona Hofmann zum Schluss. 

«Disputissima – wer hat das letzte Wort?» wird am 20. März um 19 Uhr und am 21. März um 17 und um 19 Uhr in der reformierten Kirche Baden aufgeführt.