Die ganze Welt ist in Bewegung

Im Kunstraum Baden fragen sich vier Kunstschaffende: Wie interagieren wir in der heutigen Welt mit verschiedenen Materialien und Umgebungen?
Ausstellungsansicht «Shifting Matters» mit Werken von Vanessa Billy, maya Bringolf, Jannik Giger und Zimoun. (Bild: Anja Wille Schori)

Baden – Mit «Shifting Matters» ist eine Gruppenausstellung im Kunstraum Baden betitelt, die bis 28. Juni zu sehen ist .
Beim Eintritt in den Kunstraum Baden wird man in eine Schau katapultiert, die ebenso das Auge wie das Ohr herausfordert. «Shifting Matters» heisst die neue von Kunstraum-Leiterin ­Patrizia Keller und Chantal Molleur kuratierte Ausstellung. Zunächst muss ein Schock bewältigt werden: Maya Bringolfs am Eingang platzierte riesige Skulptur «Excess» wirkt mit ihrer Aufschichtung mächtiger, durch Ketten gefesselter Betonklötze kurz vor dem Kollaps stehend. Beton? Von wegen. Die Künstlerin hat vielmehr Industriestyropor und andere ausrangierte Materialien verwendet, die sie neu verdichtet.
Transformation – tiefgreifender Wandel – heisst das Stichwort. Was das bedeutet, ist später in Bringolfs blutigen Fleischstücken ähnelnden «Kneader»-Skulpturen zu sehen. Hierfür hat sie Monoblockstühle und Sand verwendet und so zusammengepresst, dass ein Berühren der Oberfläche Erstaunliches zeigt: Sie ist glatt und mit Farbsprengseln so fein durchwirkt, dass man spontan an Montélimar-Nougat denkt.

Reiz der Monotonie
Bewegung – sowohl wörtlich als auch im übertragenen Sinn – ist allerorten erkennbar. So zum Beispiel das Plopp, Plopp von neun kleinen Bällen, die in Pappkartons durch Gleichstrommotörchen angetrieben werden und durch die Luft sausen. Zimoun übersetzt in seinen Installationen einfache mechanische Systeme durch Bewegung in Klang. Auch eine kleine Kartonbox ist für ihn wie ein beschwipst agierendes «Instrument», das permanent an der Wand aufschlägt. Wer sich das länger anhört, macht im Zusammenklang mit dem Plopp, Plopp eine ähnliche Erfahrung wie mit Minimal Music. Sie gewinnt ebenfalls durch Wiederholungen minimer, rhythmischer Muster ihren speziellen Reiz.

«Ouroboros» – nach der Schlange, die sich selbst in den Schwanz beisst – nennt Vanessa Billy ihre Skulptur, die in der ­Ausstellung «Shifting Matters» im Kunstraum Baden zu sehen ist. (Bild: Anja Wille Schori)

Dialog zwischen Lautsprechern
Noch davor fällt uns als Besucherinnen und Besucher ein Video mit Maria Callas ins Auge. Die Jahrhundert­sängerin singt – nur können wir ihre leidenschaftliche Arie bloss dann ­hören, wenn wir uns Kopfhörer aufsetzen. Aber das ist doch nicht die Callas! Was wir vernehmen, ist eine akustische Verzerrung, die unsere Ohren herausfordert. Auch weitere Musikstars akzeptieren wir in ihrer verfremdeten, akustischen Form nur ungern. Aber genau das will Jannik Giger: Er verwandelt ikonische Stimmen in abstrakte, filmisch aufgeladene Klangtexturen – was auch für seine Installation «Do You Love Me?» gilt. Giger macht hier erlebbar, wie Wiederholungen, Zitate und Montage zu einem neuen Sinn führen. Ein Hornlautsprecher fragt: «Do you love me?», während ein Vintage-Hi-Fi-Hochtöner mit einem aus Filmzitaten montierten «I love you, but …» antwortet. Und das klingt dann mitunter ebenso nach Romanze wie nach handfestem Western. Damit entsteht zwischen den beiden Lautsprechern ein Dialog, dessen Worte man nie restlos versteht – umso mehr laden sie zu Interpretationen ein.

Auffallend sind ausserdem die weissen Skulpturen «Ouroboros I und II» von Vanessa Billy. Erst in der Nähe offenbaren sie ihr Geheimnis: Sie formen den Abdruck eines menschlichen Rückens nach und sollen damit an das antike Symbol der Schlange erinnern, die ihren eigenen Schwanz verschlingt. Missverständlich mutet zunächst die Bezeichnung für Billys ­liegende Bronzeskulptur «Pig» an. Doch auch hier gilt: Man muss sie von allen Seiten betrachten. Dann sieht man, dass die fischähnliche Skulptur einen Rücken hat, sie aber, zumindest was die Schnauze anbelangt, überdies an das Schwein erinnert. «Damit», so Patrizia Keller, «verweist das Werk auf die enge biologische Verwandtschaft von Mensch und Schwein – eine Nähe, welche die Grenze zwischen den Arten durchlässig erscheinen lässt.» Kurzum: Was bleibt, wenn sich alles bewegt? Vier Kunstschaffende lassen uns teilhaben an ihren spannenden Erkenntnissen.