Alte Kastaniensorten bewahren

Drei Jahre Aufbauarbeit fanden mit der Einweihung der Kastaniensammlung auf dem Glück-Hof letzte Woche ihren vorläufigen Abschluss.
Stefan Liechti vom Glück-Hof-Team verantwortet das Kastanienprojekt. (Bild: isp)

Baden – Auf der Badener Baldegg ist in den vergangenen drei Jahren eine schweizweit bedeutende Duplikatsammlung von Edelkastanienbäumen (Castanea sativa) entstanden. Im Auftrag des Bundesamts für Landwirtschaft (BLW) hat der Glück-Hof eine ein­zigartige Anlage mit 60 alten Kastaniensorten (Akzessionen) aufgebaut – ein wertvolles Erbe alter Kulturformen. Mit je zwei Bäumen pro Sorte umfasst die Sammlung insgesamt 120 Edelkastanienbäume, die nun als lebendiges Archiv genetischer Vielfalt dienen. Letzte Woche wurde dieser Meilenstein feierlich gewürdigt. Etwa 20 Gäste waren der Einladung auf die Oeschgerwiese auf der Baldegg gefolgt. Das Wetter zeigte sich frühlingshaft mild, und über dem Gelände lag der Duft frisch gerösteter Marroni.

Artenvielfalt erhalten
In seiner Begrüssung erinnerte Glück-Hof-Gastgeber Andreas Schärer daran, wie aus einer Idee ein schweizweit relevantes Projekt geworden war. «Als wir vor drei Jahren begannen, war unser Ziel klar: Wir wollten die alte Kastanienkultur der Schweiz nicht nur dokumentieren, sondern lebendig erhalten. Heute stehen hier 120 Bäume, die für Vielfalt, Tradition und Zukunftshoffnung gleichermassen stehen.»
Im Zentrum der Kastaniensammlung stehen Sorten, die einst das Landschaftsbild und die Ernährung in vielen Regionen der Deutschschweiz prägten – von der Innerschweiz bis in den Aargau. Jahrhundertelang galten Kastanien als Brot der armen Leute, da sie in mageren Jahren eine Ernährungsquelle darstellten. Viele dieser alten Varietäten existierten nur noch an wenigen Standorten oder in alten Dorfbeständen. Zwischenzeitlich erleben Kastanien aber regelrecht ein Revival.
Christian Eigenmann vom BLW erläuterte in seinem Kurzreferat, wie die Kastaniensammlung Teil des ­Nationalen Aktionsplans zur Erhaltung und nachhaltigen Nutzung der pflanzengenetischen Ressourcen (NAP-PGREL) wurde. «Die Edelkastanie, nicht zu verwechseln mit der Rosskastanie, gehört zu den traditionellen Kulturpflanzen, die in der modernen Landwirtschaft leicht in Vergessenheit geraten. Mit dem Glück-Hof-Projekt sichern wir ein Stück genetisches Gedächtnis der Schweiz und investieren gleichzeitig in resiliente Sorten für kommende Generationen.» Die Kastanie wurde früher nicht nur wegen ihrer basischen feinen Frucht angebaut, sondern auch wegen des besonderen Holzes, das sich bestens zur Weiterverarbeitung eignet.

Von links: Andreas Schärer (Glück-Hof), Christian Eigenmann (BLW), Andreas Rudow (IG Pro Kastanie) und Stefan Liechti (Glück-Hof). (Bild: isp)

Alte Kultur neu entdeckt
Anschliessend sprach Andreas Rudow von der IG Pro Kastanie über die Rolle der Kastanie sowohl in der Geschichte als auch in der Gegenwart. Er erinnerte daran, dass die «Brotbäume des Südens» einst die Lebensgrundlage vieler Bergregionen bildeten und heute dank neuer Forschung wieder vermehrt Beachtung fänden. «In Zeiten des Klimawandels gewinnt die Kastanie als robuste, anpassungsfähige Baumart wieder an Bedeutung. Was hier auf dem Glück-Hof entstanden ist, wirkt weit über den Aargau ­hinaus.»
Bei der anschliessenden Führung durch die Anlage zeigte Stefan Liechti vom Glück-Hof unterschiedliche Sorten mit ihren charakteristischen Fruchteigenschaften und speziellen Namen, die von den jeweiligen Herkunftsorten abgeleitet sind. «Jeder dieser Bäume trägt eine Geschichte», sagte Stefan Liechti. «Wir sehen uns in der Verantwortung, diese Geschichten in Form von lebendiger Genetik weiterzuerzählen.» Im Fall der aktuellen Kastanienbaumsammlung braucht es jetzt vor allem eines: Geduld und Zeit. In acht bis zehn Jahren können auf der Baldegg erstmals Marroni gesammelt werden.

Erst der Anfang
Nach den offiziellen Reden folgte ein Apéro mit heissen Marroni und Getränken aus der Region. Zwischen den Bäumen standen Gruppen von Besucherinnen und Besuchern, die angeregt über Sortenerhalt, Nachhaltigkeit und Zukunftsperspektiven diskutierten. Die Sammlung auf dem Glück-Hof gilt schon jetzt als Referenzprojekt für die Erhaltung alter Kastaniensorten in der Schweiz. Sie steht exemplarisch für den Gedanken einer Landwirtschaft, die Biodiversität nicht als Zusatz, sondern als Grundlage versteht. Zum Abschluss sagte Andreas Schärer: «Diese Sammlung ist kein Denkmal, sondern ein Anfang. Wir möchten mit ihr zeigen, dass Vielfalt lebt und dass wir sie brauchen, um die Landwirtschaft der Zukunft widerstandsfähig und sinnstiftend zu gestalten.» Mit dem Sonnenuntergang über der Baldegg klang der Anlass aus. Ein Tag zwischen Tradition und Aufbruch, zwischen alter Wurzel und neuem Wachstum.