In den Rebbergen gut vertreten

Zaunammern müssen Weinliebhaber sein, das könnte man zumindest aus ihrer ­Verbreitung in der Schweiz schliessen.
Noch ohne die markante Maske: ein Zaunammer-Jungtier. (Bild: bhe)

Natur entdecken – Bei einem Rundgang durch die Rebberge des Schenkenbergertals zwischen Villnachern und Thalheim vernimmt man ab Anfang April oft den monoton wiederholten und leiernden Gesang der Zaunammer, der etwas an eine «langsame Grille» erinnert. Sie singt bis spät in den Sommer hinein und ist oft im Herbst noch zu vernehmen. Die Männchen sitzen dabei meist gut sichtbar hoch auf einem Baum. Sind keine hohen Bäume vorhanden, tut es auch ein Rebpfosten oder ein Rebhäuschen. 
Die Zaunammer ist weniger bekannt als ihre nahe Verwandte, die Goldammer, mit der sie teilweise den Lebensraum teilt. Kein Wunder – Goldammern kommen bei uns mit 75 000 Brutpaaren bedeutend häufiger vor als die Zaunammern, die es nur auf maximal 1500 Brutpaare bringen. Sie gilt auf der Roten Liste als «potenziell gefährdet». Beide ­Arten ähneln sich, die Zaunammer-Männchen unterscheiden sich jedoch mit ihrer «Zorro-Maske» und dem Kehlfleck deutlich von ihren Verwandten, die Weibchen sind etwas schwieriger zu unterscheiden.

Weinliebhaberin
Die relativ grosse Präsenz der Zaunammer in den hiesigen Rebbergen ist eine Besonderheit. Ihr Hauptverbreitungsgebiet befindet sich eigentlich in den mediterranen Ländern. Die Schweiz liegt am Nordrand des Verbreitungsgebiets, und die Art konzentriert sich bei uns auf Weinbaugebiete, Föhntäler sowie den Juranord- und den Jurasüdfuss. Besonders hohe Bestandsdichten gibt es im Kanton Genf, im Mittelwallis und im Süd­tessin. Im Aargau besiedelt die Zaunammer vor allem die Rebbaugebiete am Jurasüdfuss zwischen Erlinsbach und Wettingen sowie das Mettauertal von Wil bis zum Villiger Rebberg. Das hat weniger damit zu tun, dass die Zaunammer eine «Weinliebhaberin» ist. Als wärmeliebende Art bevorzugt sie jedoch sonnenexponierte Hänge mit warmem Mikroklima, und das trifft für die meisten Rebberge zu. Diese sollten jedoch besondere Qualitäten aufweisen, damit sie sich als Zaunammer-Habitat eignen.
Ihr Nest bauen Zaunammern in der Regel nicht in den Weinreben, sondern in dichtem Gebüsch in Bodennähe. Deshalb sollte es für sie im ­Umfeld der Reben Sträucher, Baumgruppen, Dorn- oder Brombeergestrüpp haben, zudem schätzen sie Kleinstrukturen wie Stein- und Asthaufen, alte Mauern, Rebhäuschen und Scheiterbeigen. Zaunammern ­haben zwei bis drei Bruten pro Jahr. So kann man sie oft noch im Spätsommer bei der Fütterung ihrer Jungen in den Rebbergen beobachten. 

Singendes Zaunammer-Männchen auf einem ­Rebtrieb. (Bild: bhe)

Zunehmende Bestände
Zwischen den 1970er- und 1990er-Jahren hat die Zaunammer in der Schweiz Terrain eingebüsst. In den letzten Jahrzehnten wurden viele potenzielle Zaunammer-Habitate an gut besonnten Hängen überbaut. Ein weiterer Gefährdungsfaktor ist die ­Intensivierung der Landwirtschaft und des Weinbaus mit einer damit verbundenen Beseitigung vieler Kleinstrukturen. Seit der Jahrtausendwende nehmen die Bestände wieder leicht zu – das nicht zuletzt dank gezielter Artenförderung von Birdlife Schweiz und Partnerorganisationen durch Schaffung der erwähnten ­Hecken, Büsche und Kleinstrukturen.
Erstaunlicherweise zieht die Zaunammer im Winter nicht in den Süden. Wenn sie als Körnerfresser noch genügend Nahrung findet, verbleibt sie in den Brutgebieten und flieht nur, wenn der Boden schneebedeckt oder vereist ist. So konnte der Schreibende im vergangenen Winter im Rebberg Schinznach einen rekordgrossen Trupp von 18 Zaunammern beobachten.