Windisch – Neapel, die Stadt am Vesuv und der Ort, an dem Diego Armando Maradona seine fussballerische zweite Heimat fand. Und die Stadt, in der am 15. September 1953 Luigi Ponte zur Welt kam. Luigi sowie seine Brüder Toni und Raimondo wurden von ihren italienischen Grosseltern grossgezogen. Sein Vater Angelo machte sich 1958 aus finanziellen Gründen auf den Weg in die Schweiz, so wie es zu dieser Zeit viele Italiener taten. Sein Vater, von Beruf Schuhmacher, erhielt eine Stelle bei der Firma Künzi in Windisch.
Als elfjähriger «Bambino» sass Luigi mit seinen Brüdern im Zug in die Schweiz – ausgerechnet am 1. August. «Das ist ein toller Empfang», dachte Luigi Ponte, als er die vielen Leute mit Fahnen und die Feuerwerke sah. Erst später wurde ihm bewusst, dass die Feierlichkeiten nicht ihm gebührten, sondern dem Nationalfeiertag der Schweiz. In Windisch begegnete er auch zum allerersten Mal seiner Schwester. Für Luigi Ponte war es ein Kulturschock, in das kleine Dorf Windisch zu kommen, nachdem er die ersten Jahre seiner Kindheit in der süditalienischen Metropole verbracht hatte. Eine Woche nach seiner Ankunft musste er zur Schule, ohne ein deutsches Wort zu kennen.
Spracherwerb durch Fussball
Doch die Sprache sollte Luigi Ponte schnell lernen. Sein Vater schickte ihn und seine Brüder in den Fussballclub, und zwar deshalb, weil dort ausschliesslich Schweizer kickten. Weil Windisch dazumal eine «Colonia Libera» war, also ein Treffpunkt der Italiener, wollte Vater Angelo vermeiden, dass seine Söhne dorthin gingen, denn so hätten sie kein Deutsch gelernt. Da die Brüder Ponte bereits Fussball spielten – was bei ihrer italienischen Herkunft kaum überrascht –, machten sich Luigi, Raimondo und Toni im Club schnell Freunde, mit denen sie Deutsch lernten.
Der Name Ponte war und ist im Fussball bekannt. Luigis Bruder Raimondo legte eine erfolgreiche Karriere hin. Er stand unter anderem beim Grasshopper Club Zürich und beim heutigen Premier-League-Verein Nottingham Forest unter Vertrag und holte mehrere Titel sowie die Auszeichnung Uefa-Cup-Torschützenkönig.
«Mach es besser»
Für Luigi Ponte war schnell klar, dass Raimondo besser «tschuttet» als er. Weil sich Tonis Begabung ebenfalls rasch zeigte – er konnte sich im Jugendalter in fünf Sprachen verständigen –, musste Luigi im Wettkampf gegen seine Brüder sein Talent erst finden.
Er fand es als Schiedsrichter. Trotzdem ist es eine lustige Geschichte, wie er ins Schiedsrichtergeschäft einstieg. Sie nahm ihren Lauf bei einem Spiel im Jahr 1976 zwischen dem FC Baden und dem FC Wettingen. Luigi Ponte war bei diesem Spiel selbst auf dem Platz und fühlte sich vom Schiedsrichter auf den Arm genommen. Nach dem Spiel rief er den Chef des Schiedsrichterverbands an und schimpfte am Telefon über den Schiedsrichter. Die Antwort des Chefs des Schiedsrichterverbands war: «Ja, dann mach es besser.» Woraufhin er sich sofort als Referee anmeldete. Der Rest ist Geschichte.
Luigi Pontes Geheimrezept auf dem Platz war, ehrlich zu sein. «Manchmal musste man ehrlich mit sich selbst sein und den einen oder anderen Fehler eingestehen», meinte Luigi Ponte rückblickend. Bei Fehlern entschuldigte er sich bei den Spielern. Neben der Ehrlichkeit sollte man als Schiedsrichter «kein sturer Bock sein», eine gute Kondition haben und auf keinen Fall müde sein, denn man müsse jederzeit darauf gefasst sein, dass etwas geschehen könne. Der Name Ponte, zu Deutsch «Brücke», passt deshalb sehr gut zu einem Schiedsrichter, denn er verbindet Ehrlichkeit mit Sport.
In seiner 50-jährigen Schiedsrichterkarriere gewann Luigi Ponte natürlich an Routine. In seiner gesamten Laufbahn pfiff er über 2000 Fussballspiele, darunter solche im Ausland, die ihm speziell in Erinnerung blieben. So zum Beispiel der Champions-League-Match zwischen Ajax Amsterdam und Inter Mailand sowie das Spiel im Hexenkessel von Galatasaray Istanbul gegen Bayern München. «Dort ging die Post ab.» Zudem durfte er am 100-Jahr-Jubiläum des FC Zürich den Match zwischen den Stadtzürchern und der italienischen Nationalmannschaft mit den Superstars Buffon und Del Piero leiten.
Seit 2015 steht Luigi Ponte auch als Trainer auf dem Platz. Jeden Mittwoch trainiert er die Ponte Kickers Windisch, eine Fussballmannschaft für Behinderte. Als Luigi Ponte die Mannschaft zu trainieren begann, gehörten erst wenige Spieler zur Mannschaft. Heute, mehr als zehn Jahre später, umfasst das Kader 28 Spieler. Daneben war er lang Vizepräsident des Aargauischen Fussballverbands. Und als der damalige Verbandspräsident zurücktrat, sagten all seine Kollegen: «Luigi, du musst Präsident werden.» Nach einer einwöchigen Bedenkzeit in Arosa nahm Luigi Ponte 2019 das Amt als Präsident des Aargauischen Fussballverbands an, er ist es bis heute.
Ehre, wem Ehre gebührt
Im Spiel zwischen seinem Heimatverein, dem FC Windisch, und dem FC Bremgarten am 25. April blies Luigi Ponte zum letzten Mal in seine Trillerpfeife. Gemeinsam mit seinen langjährigen und Europacup-erfahrenen Schiedsrichterkollegen Urs Meier und Antonio Vecchio, die ihn als Linienrichter unterstützten, war das Fussballspiel nur Nebensache. Wann gibt es schon einen Fussballmatch, den man wegen des Schiedsrichters schaut? Luigi Ponte war klar der Mann des Spiels.
Während des Spiels gab es Luigi-Fanchöre, und in der Pause nahm sich Luigi Ponte sogar Zeit, um Autogramme zu verteilen – ein Vorbild für Klein und Gross. Alles, was Luigi Ponte erreicht hatte, liessen ihn die vielen Zuschauenden spüren. Familie, Bekannte, Ehrenmitglieder des FC Windisch, Spieler seiner Mannschaft, Fussballverbandspräsidenten aus anderen Kantonen und sogar der schweizerische Fussballverbandspräsident Peter Knäbel erwiesen Luigi Ponte die Ehre. «Ich fühle mich sehr stolz», sagte er.
Eine Schiedsrichterlaufbahn der aussergewöhnlichen Art ging damit zu Ende. Doch den Fussball wird Luigi Ponte auch in Zukunft prägen. Jetzt hat er nämlich mehr Zeit, sich dem Amt des Aargauischen Fussballverbandspräsidenten und dem Behindertensport zu widmen. Dort seien grosse Projekte geplant. Unter anderem möchte er mit seinem Team an Turnieren für Behinderte mitmachen, um den Behindertensport kantonal zu verbinden. «Das Trainieren dieses Teams ist für mich eine Herzensangelegenheit», sagte er mit einem breiten Grinsen. Das Gesicht Luigi Pontes wird also nicht so schnell aus dem Fussball verschwinden.