Offizier mit Sozialkompetenz

Das Schweizer Milizsystem lässt einsatzbereite Menschen Verantwortung übernehmen. Der frühere Divisionär Hansruedi Thalmann hat das bewiesen.
Divisionär a. D. Hansruedi Thalmann war ein ausgezeichneter militärischer Ausbildner und Vorgesetzter. (Bild: zVg)

Schinznach – Die Gemeinde Schinznach ist die aargauische Ortschaft mit der höchsten «Divisionärsdichte». Hier wohnten bis vor wenigen Tagen vier Zwei-Sterne-Offiziere: drei im Pensionsstatus ausser Dienst und einer noch im Aktiveinsatz. Jetzt sind es nur noch drei. Divisionär a. D. Hansruedi Thalmann ist im Alter von 85 Jahren an einem Herzstillstand gestorben. Für seine Familie und ehemalige Weggefährten ist das ein herber Verlust, wie die Trauerfeier in der Kirche Schinznach bestätigte.

Sohn und Tochter würdigten an der Abdankung den fürsorglich-engagierten Einsatz ihres Vaters. Der frühere Generalstabschef der Armee, Korpskommandant a. D. Arthur Liener, erinnerte an die militärische Laufbahn sowie an die grosse Fach- und Sozialkompetenz, die den Berufsoffizier Thalmann auszeichneten. Auch ehemalige Dienstkameraden aus verschiedenen Truppenkörpern und Dienststellen, insbesondere den Waffenplätzen Brugg und Bremgarten, trauerten um eine vorbildliche Persönlichkeit.  

Vielseitige Laufbahn
Die militärische Laufbahn widerspiegelte Hansruedi Thalmanns Vielseitigkeit. Wie es eine Metapher beschreibt, trug er den Generalstab im Tornister. Nach der 1961 bestandenen Rekrutenschule bei den Reparaturtruppen sowie der Unteroffiziers- und Offiziersausbildung wurde er den Genietruppen zugeteilt. Von den Kommandos einer Pontonier-Stabskompanie und einer Panzersappeur-Kompanie aus entschloss er sich zur Generalstabsausbildung und zum Wechsel auf den Berufsoffiziersweg.

Hauptmann im Generalstab Thalmann trat in den Stab der Mechanisierten Division 11 ein und führte danach als Major das Motorisierte Füsilierbataillon 62. Dass ihm neben seinem militärischen Hauptberuf auch das Kommando einer Miliztruppe zufiel, war ein normaler Vorgang. Doch in diesem Fall galt der Wechsel vom Genie- zum Infanterieoffizier eher als seltene Rochade. Seine Karriere setzte Oberstleutnant Thalmann im Stab der Felddivision 7 und der Territorialzone 4 sowie als Instruktor und Kommandant der Rekruten-, Unteroffiziers- und Offiziersschulen auf den Geniewaffenplätzen Bremgarten und Brugg fort.

1990 wurde ihm das diffizile Kommando des drei Jahre zuvor gegen einen strategischen Überfall gegründeten, kampfstarken Zürcher Flug­hafen-Regiments 4 übertragen. Im gleichen Jahr kamen zwei Kompanien notfallmässig beim Crossair-Flugzeugabsturz am Stadlerberg zum Einsatz. Oberst Thalmann löste die höchst anspruchsvolle Aufgabe so souverän, dass man ihn noch zu Höherem befähigt hielt. So wurde er 1994 unter Beförderung zum Brigadier Stabschef des Feldarmeekorps 4 und zwei Jahre später als Divisionär zum Unterstabschef Logistik in der Armeeführung ernannt. Auf Ende 2001 trat er in den Ruhestand. 

Liquidator und Helfer
In der neuen Funktion war er für die tiefgreifende Ablösung der Armee 61 durch die Armee 95 mitverantwortlich. Er erlebte, wie älteres und nicht mehr benötigtes Material wegen der Bestandreduktion der Armee liquidiert werden sollte. Wo es irgendwie möglich war, verhinderte er die Vernichtung von noch brauchbaren Geräten. Das traf zum Beispiel auf die robusten mobilen Feldbäckereien sowie auf medizinische Einrichtungen zu.

In der von einer Zürcher Privatbank getragenen Stiftung Corvus zur Linderung menschlicher Not im In- und Ausland entdeckte er eine Institution – und sie ihn –, mit der in engster Zusammenarbeit beeindruckende Hilfeleistungen möglich wurden. So wurde etwa ein Operationstrakt in einer Uniklinik in Georgien mit noch brauchbaren Geräten ausgerüstet. Hansruedi Thalmanns Engagement war enorm.

Auch bei den Tätigkeiten im dritten Lebensabschnitt kamen Divisionär a. D. Hansruedi Thalmann die logistische Fachkompetenz und die militärische Führungserfahrung, seine Menschenkenntnisse und die Motivierungsfähigkeit zustatten. Trotz eines Rückenleidens blieb er im familiären und im öffentlichen Umfeld aktiv. Seinen Wegbegleitern war er durch seine ruhige und überlegte, bescheidene und hilfsbereite Art ein Vorbild.