Oberflachs – Frieder Recht hat sein neues Amt bei der Stiftung Etuna am 1. Mai angetreten. Zuvor war der Heilpädagoge, Supervisor, Coach und Mediator über 30 Jahre im Sonnenhof in Arlesheim tätig, zuletzt in leitender Funktion.
Frieder Recht, Sie sind seit dem 1. Mai neuer Geschäftsführer der Stiftung Etuna. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?
Für meine letzten Berufsjahre wollte ich nach langjähriger Tätigkeit in einer grossen Einrichtung für Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit Unterstützungsbedarf nochmal eine neue berufliche Herausforderung annehmen. Durch ein Stelleninserat wurde ich auf Etuna aufmerksam. Die Werte der Stiftung, die Menschen sowie die Ansätze in der täglichen Arbeit sprachen mich sofort an. Umso mehr schätze ich mich ausserordentlich glücklich, nun Teil von der Stiftung zu sein.
Wo sehen Sie die grössten Herausforderungen als neuer Geschäftsführer?
Mein Vorgänger Roland Fischer hat die Entwicklung der Stiftung über viele Jahre hinweg massgeblich geprägt. Mit grossem Engagement und viel Herzblut setzte er sich dafür ein, dass Kinder und Jugendliche so begleitet werden, dass sie ihr Leben würdevoll, selbstbestimmt und gestärkt gestalten können. Er schuf die Voraussetzungen, dass die wachsende Stiftung ihren Auftrag zeitgemäss, innovativ und mit hoher Qualität erfüllen kann. Meine Aufgabe wird es nun sein, dieses wertvolle Fundament aufzunehmen und behutsam mit den Mitarbeitenden weiterzuentwickeln, damit die Angebote der Stiftung auch in Zukunft Strahlkraft entfalten und einen wichtigen Beitrag in der Kinder- und Jugendhilfe leisten können. Das erfordert Sorgfalt, Umsicht und Überzeugungskraft.
Haben Sie in den ersten Wochen bereits Baustellen erkannt, deren Sie sich annehmen müssen?
Die Stiftung ist derzeit so gut aufgestellt, dass kein unmittelbarer Handlungsbedarf besteht.
Auf der Website von Etuna heisst es, die Stiftung orientiere sich von der Grundhaltung her an den Grundlagen der «Neuen Autorität». Können Sie das erläutern, und gilt der Grundsatz auch für Sie?
Die Neue Autorität bildet einen wesentlichen Pfeiler der Identität der Stiftung. Alle Mitarbeitenden sind eingeladen und gefordert, sich diesem Grundverständnis anzunehmen. In der Begleitung der Kinder und Jugendlichen steht dabei beispielsweise Wiedergutmachung anstelle Bestrafung im Zentrum. So wollen wir keine Abmahnungen erteilen, sondern durch Konsequenzen lernen, mit- und nebeneinander zu leben, zu lachen und zu lernen. Damit ist gemeint, dass die Kinder und Jugendlichen bei einem «Unglück», sagen wir bei einer zerschlagenen Scheibe wegen eines Wutanfalls, nicht bestraft werden, indem sie die Pause drinnen verbringen müssen, sondern im Dialog erkannt wird, wie mit dem Wutanfall umgegangen und daraus gelernt werden kann. So könnte eine mögliche Wiedergutmachung sein, dass sich das Kind beziehungsweise der oder die Jugendliche entschuldigt, die Scherben aufwischt und dem Abwart beim Montieren der neuen Fensterscheibe hilft sowie eine Strategie erarbeitet, um bei einem Wutanfall nicht zuzuschlagen, sondern sich zum Beispiel durch Atemübungen wieder zu beruhigen. Die Arbeit auf der Grundlage der Neuen Autorität macht den Begleitalltag nicht unbedingt einfacher, aber nahbarer, individueller und nachhaltiger.
Wie hat sich die Nachfrage nach Institutionen wie der Stiftung Etuna in den vergangenen Jahren entwickelt?
Die Angebote von Etuna sind seit jeher sehr gefragt, und die hohe Nachfrage ist ungebrochen. Es zeichnet sich zudem keine wesentliche Veränderung ab. Gleichzeitig steigen jedoch die Anforderungen an die Mitarbeitenden. Gesellschaftliche Entwicklungen sowie kantonale Vorgaben und Erwartungen werden zunehmend komplexer und umfangreicher.
Haben sich die Kinder und Jugendlichen verändert?
Grundsätzlich durchlaufen alle Kinder – unabhängig von gesellschaftlichen Entwicklungen und dem jeweiligen Zeitgeschehen – ähnliche Entwicklungsphasen. Dennoch weist jede Generation charakteristische Merkmale und Prägungen auf. Aktuell tritt die Generation Z verstärkt in den Arbeitsmarkt ein und beeinflusst mit ihren Erfahrungen und Wertvorstellungen die nachfolgenden Generationen. Damit gehen neue Erwartungen, Haltungen und Lösungsansätze einher. Die Mitarbeitenden der Stiftung Etuna setzen sich mit diesen Entwicklungen auseinander. Orientierung geben dabei unter anderem die erwähnte Neue Autorität sowie die Grundlagen des Lehrplans 21.
Wie geht es der Stiftung finanziell?
Die Stiftung wird über eine Leistungsvereinbarung mit dem Kanton finanziert. Die damit verbundenen Bedingungen und Anforderungen sind in einem umfassenden Regelwerk festgehalten und gewährleisten eine fachlich hochwertige Leistungserbringung.
Viele Institutionen, die auf Spenden angewiesen sind, leiden unter einer allgemein immer geringeren Spendenfreudigkeit. Wie sieht es diesbezüglich bei der Stiftung Etuna aus?
Unser regulärer Betrieb kann ohne Spendengelder sichergestellt werden. Spenden leisten jedoch einen wichtigen Beitrag zur Verbesserung der Lebensqualität der Kinder und Jugendlichen. Sie ermöglichen Angebote und Anschaffungen, die im regulären Budget nicht realisierbar wären. Selbst wenn die allgemeine Spendenbereitschaft rückläufig ist, können durch gezielte Projekte weiterhin finanzielle Mittel gewonnen werden.
Erachten Sie das aktuelle Angebot der Stiftung als sinnvoll und ausreichend, oder haben Sie vor, als neuer Geschäftsführer gewisse Tätigkeiten zurückzuschrauben oder – umgekehrt – auszubauen oder sogar neu einzuführen?
Die aktuellen Angebote der Stiftung sind von hoher gesellschaftlicher Relevanz und geben Antworten auf konkrete Bedürfnisse von Kindern, Jugendlichen und ihren Familien. Auch künftig werden sich aber neue Entwicklungsfelder abzeichnen, in denen der gesellschaftliche Bedarf noch nicht umfassend gedeckt ist. Das betrifft beispielsweise das Alterssegment der Kleinstkinder sowie Jugendliche im Übergang ins Erwachsenenalter. Im Zusammenhang mit dem Führungswechsel und einem laufenden Organisationsentwicklungsprozess gilt es nun abzuwägen, wo zunächst Konsolidierung notwendig ist und in welchen Bereichen bereits innovative Ideen und neue Angebote entwickelt werden können.