Warum die Büscheliwoche so wichtig bleibt

Die Büscheliwoche hat einen festen Platz im Schuljahr und im Herzen vieler Brugger und Bruggerinnen. Der Brauch zum Schuljahresende reicht bis ins 16. Jahrhundert zurück, verbindet Generationen und löst jedes Jahr Begeisterung aus.
Die Oberstufenschülerinnen und -schüler widmen sich dem Kränzen. Mit Buchs und viel Tannengrün werden grosse Kränze gebunden und zusammengestellt. (Bild: Archiv)

Brugg – Die Büscheliwoche gehört zu jenen Traditionen, die man kaum erklären muss, weil sie so selbstverständlich wirken, und doch lohnt sich ein genauer Blick darauf. Sie ist ein Stück lokaler Identität und ein Anlass, der Erinnerungen schafft, die ein Leben lang bleiben. Die Büscheliwoche wird immer in der letzten Schulwoche vor den grossen Sommerferien durchgeführt. Offiziellen Schulunterricht gibt es nicht mehr, und am Ende der Woche steht das Jugendfest, das heuer am 2. Juli stattfindet.
In allen Brugger Schulen, zum Beispiel an der Primarschule Stapfer, ist die Büscheliwoche längst ein Fixpunkt. Barbara Gabathuler, langjährige Lehrperson an der Schule, beschreibt die besondere Stimmung: «Die Kinder sind in dieser Woche aufgeregt. Sie spüren, dass etwas Aussergewöhnliches passiert und dass sie Teil einer Tradition sind, die älter ist als ihre eigenen Eltern.»

«S Mies zum Kränze»
Frühmorgens wird von den Tambouren die «ganze» Stadt geweckt. Damit nimmt in Brugg eine der lebendigsten Traditionen des Jahres Fahrt auf: die Büscheliwoche. Kurz nach 7 Uhr gehen die Sechstklässlerinnen und Sechstklässler in den Wald, richten das Mies und packen symbolisch ein wenig davon in Harassen. Die Kinder binden sich zudem Farn und Buchenäste um Stirn, Bauch oder Arme. Anschliessend besammeln sich alle Schulkinder in der Altstadt. Punkt 8.30 Uhr setzt sich der bekannte Sturmlauf in Bewegung. Er dauert gerade einmal knapp 30 Sekunden. Mit Trommelwirbel und viel Energie rennen die Kinder durch die Hauptstrasse der Altstadt. Entlang der Altstadthäuser stehen sämtliche Schulklassen mit ihren Lehrpersonen Spalier und applaudieren den Vorbeirennenden. Im Anschluss an den Sturmlauf gibt es für jede Schülerin und jeden Schüler ein kleines Weggli.

Während die Woche ihren Lauf nimmt, widmen sich die Oberstufenschülerinnen und -schüler am Montag und Dienstag dem Kränzen. Mit Buchs und viel Tannengrün werden grosse Kränze gebunden und zusammengestellt. Die Seile dazu sind nach Gassenbreite und Bestimmungsort vorbereitet, und selbst die Karabinerhaken sind abgezählt. Jeder Kranz trägt einen Namen, und das seinem Bestimmungsort entsprechend. Einige Schülerinnen und Schüler der Oberstufe, meist aus den ersten ­Klassen, stellen in rund anderthalb Tagen sorgfältig rote, gelbe oder weisse Papierrosen aus Pergaminpapier her. Die jün­geren Kinder der Unterstufe gestalten ­parallel dazu farbige Serviettenrosen und Girlanden, die später das Stapferschulhaus und den Festplatz schmücken. Am Mittwochnachmittag übernimmt die Feuerwehr Brugg die Aufgabe, die traditionellen Kränze in der Altstadt am entsprechenden Ort aufzuhängen. Dieser Moment zieht jedes Jahr viele Schau­lustige an. Sogar die Brunnen werden geschmückt.

Wenn die Grünabfuhr ­dazwischenfunkt

Am Mittwochmorgen ziehen die fünften Klassen der Schulen Au Erle, Bodenacker, Umiken und Stapfer mit ihren Leiter­wägeli durch die Stadt und holen die bereitgestellten Blumen der Brugger Haushalte ab. Ihr Ziel: Blumen ­sammeln, die anschliessend von den Oberstufenklassen zu kunstvollen Blumenkörben verarbeitet und in die Kränze gehängt werden. Witzig ist, dass gleichentags die Grünabfuhr stattfindet, was leider schon zu einigen Verwechslungen geführt hat. Falls nicht genügend Blumen gesammelt werden können, springen die umliegenden ­Blumengeschäfte gern ein.
Begleitet wird die Büscheliwoche von zahlreichen Proben: Jugendmusik, Tambouren, Rutenzugchor, Tanzgruppen und weitere Formationen bereiten sich intensiv auf ihre Auftritte vor. Ein besonderer Fixpunkt ist die gemeinsame Gesangshauptprobe am Mittwochvormittag um 9.30 Uhr auf dem Freudensteinplatz, bei der alle Schülerinnen und Schüler zusammenkommen, um den musikalischen ­Ablauf des Festakts zu üben. Es sind an diesem Vormittag doch gegen 1600 Schülerinnen und Schüler integriert. Drei ­Lieder werden noch einmal geübt, auf dass alle hoffentlich textsicher sind, und zwar: «Brugg international», «Grosser Gott, wir loben dich» sowie das legendäre «Bruggerlied». Mit von der Partie ist der Jugendfestchor unter der Leitung von ­Simon Moesch.
Am Abend gibt es einen Ballonwett­bewerb. An jeden Ballon wird eine Karte gehängt. Spannend ist es dann zu beobachten, welcher Ballon die weiteste Reise macht. Damit ist der Zapfenstreich, der eigentliche Auftakt zum Jugendfest, gelungen.

Auch Peter Belart aus Schinznach-Dorf erinnert sich gern an diese höchst emotionale Woche vor dem eigentlichen Jugendfest zurück. «Die Vorfreude war riesig.» Es sei vor allem sehr wichtig gewesen, die richtige Moossorte zu finden, um Kränze binden zu können. «Mittlerweile ist das Moos sicher ausgerottet», witzelt Peter Belart amüsiert. Wichtig sei zudem gewesen, genügend Tannen- sowie Buchszweige zu beschaffen, um Kränze herzustellen. Und mit einer gewissen Sorge verbunden gewesen sei das sogenannte Tüüschle. Denn mit dem Zapfenstreich, dem Abend vor dem eigentlichen Jugendfest, erreicht ein anderes Ritual seinen Höhepunkt: das Tüüschle. Spätestens an diesem Abend mussten sich die Brugger Kinder entscheiden, wem sie ihre Aufmerksamkeit schenken möchten. Mittels Eichenlaub oder einer Granatblüte zeigte man vielleicht erstmals richtige Sympathien für das andere Geschlecht. Für die Jungen war das Eichenlaub eher leicht zu beschaffen, während die Mädchen für die Granatblüte etwas mehr Einsatz zeigen mussten. Und wenn heute am Zapfenstreich ältere Bruggerinnen und Brugger zusammenstehen, hört man nicht selten die Frage: «Weisch no, mit wem ich s erscht Mal tüüschlet ha?» Dann werden Erinnerungen wach, Geschichten ausgetauscht und Anekdoten erzählt. Manche heiter, manche nostalgisch, alle tief verwurzelt im echten Leben und im Geist des Jugendfests. «Für Aussenstehende wirkt dieser Brauch oft rätselhaft, doch für die lokale Jugend gehört er fest zum Festgeschehen», so Peter Belart. Abends beim Tanz sei man der oder dem Auserwählten dann erstmals etwas näher gekommen und durfte sich so «legitim» ein erstes Mal sachte berühren.

Der spielerische Weg, Sympathie zu zeigen
Was das Tüüschle genau bedeutet, darüber gehen die Meinungen auseinander. Manche verstehen es als kleine Festpartnerschaft, die den gemeinsamen Heimweg, Zeit miteinander und das Teilen besonderer Momente einschliesst. Andere sehen es lockerer: eine Glace, spendiert vom Eichenlaubgeber, und eine Runde auf dem Karussell, und die Sache ist erledigt. Unbestritten ist jedoch, dass das ­Tüüschle ein spielerischer Weg ist, Sympathie zu zeigen und dem Gegenüber zu si­gnalisieren, dass man gern beachtet werden möchte. Ganz anspruchsvoll sei es dann gewesen, wenn einem Mädchen kein Eichenlaub zugetragen worden sei. Er kenne heute noch eine inzwischen sehr erfolgreiche Geschäftsfrau, die zeitlebens nie mehr an das Jugendfest in Brugg zurückgekehrt sei, weil sie damals von keinem männlichen Gegenüber auserkoren worden sei, der mit ihr diesen wundervollen Tag zusammen habe verbringen wollen.
Die Büscheliwoche ist mehr als ein hübscher Brauch. Sie verbindet Generationen, denn fast jede Brugger Familie hat ihre eigenen Büscheli-Erinnerungen. Eine ältere Bewohnerin bringt es auf den Punkt: «Wenn ich die Kinder mit ihren Büscheli sehe, fühle ich mich wieder wie damals, als wir barfuss über die Brugger Wiesen gerannt sind. Es ist schön, dass das weiterlebt.» Die Büscheliwoche ist ein Beispiel dafür, wie Tradition und ­moderne Schule sich gegenseitig bereichern können. Ein Stück Brugg, das jedes Jahr neu erblüht und noch lang blühen wird.