Brugg – Das höchste Fest des Jahres verläuft in der Regel gesittet und durchorganisiert. Dafür sorgen primär die Lehrpersonen, die Verwaltung, die Feuerwehr, die Regionalpolizei, alle beteiligten Vereine und andere mehr. Und doch, manchmal pfuschen die Götter in die festgefügte Ablauforganisation. So zum Beispiel, wenn die Olympier es aus Hektoliter-Kübeln giessen lassen und das Publikum mit Mach zwei zu einem Unterstand rennt. Oder wenn ein Feuerwerk abgesagt wurde, weil schwarze Gewitterwolken auf Geheiss Petri ihr Wasser nicht mehr halten durften. Das nennt man fatalistisch gedacht schlicht Schicksal.
Dann wackelt für einen Moment in Brugg das Gerüst des traditionsgebundenen Ablaufs. Unerwartetes, hin und wieder sogar Unerwünschtes, konfrontiert dann die Organisatoren mit Problemen.
Zweierlei Würste
Vor Jahren gab es einen Bauamtsvorsteher, der als äusserst dienstwillig, pflichtbewusst und hilfsbereit galt. Wahlspruch: Hast du ein Problem, er löst es. Vor Jahren hatte er allerdings ein solches, das beinahe dazu geführt hätte, dass am Behördenzobig mit hungrigen Mägen und verärgerten Mäulern zu rechnen gewesen wäre.
Das war so: Unser Mann war es gewohnt, stets nach dem Rechten zu sehen. Schliesslich war das seine Verantwortung, und diese nahm er insofern ernst, als er am Donnerstagnachmittag einmal mehr die Schützenmatt-Turnhalle aufsuchte, um nachzusehen, ob alles in Ordnung war, somit Tische, Stühle, Dekoration, Getränke und vor allem das Zobig bereit waren. Im Besonderen aber wollte er wissen, ob die legendären Jugendfestwürste in genügender Menge geliefert worden waren.
Das war bis jetzt nie ein Problem gewesen, denn Metzger A lieferte korrekte Qualität und die bestellte Anzahl. Aber dieses Jahr war ein Teil des Auftrags an Metzgerin B ergangen. Als nun unser Bauamtschef einen Nebenraum der alten Turnhalle betrat, fiel ihm auf, dass die Würste zwar geliefert worden waren, aber nicht in der gewohnten Menge. Hier stimmt doch etwas nicht, dachte er, zählte nach, und schau an, ungefähr die Hälfte fehlte. Metzger A hatte geliefert. Was aber war mit Metzgerin B?
Also sofort anrufen. Was sie unserem Mann erzählte, war reinstes Nervengift. Sie sagte ihm nämlich, sie habe keine Bestellung erhalten. Das darf doch jetzt nicht wahr sein. Was mache ich jetzt? Nicht zuletzt gerettet hatte unseren Mann, dass er schon damals eines dieser unhandlichen Kistlinatels C oder D im Auto hatte, in das er sich setzte, Hero Lenzburg anrief und fragte, ob sie ihm grosse Schüblige liefern könne? Das sei an sich kein Problem. Wann er sie denn brauche? Ja, also sofort bis 17.30 Uhr. Wie bitte? Er erklärte der Weltfirma die Umstände. Und zu seinem Erstaunen war Hero dazu in der Lage. Also hinfahren und die Jugendfestwurstimitate ins Auto laden. Kurz vor 18 Uhr lagen sie dann zusammen mit der Brugger Version in den Tellern. Nicht bekannt ist, ob das Produkt aus Lenzburg dem Brugger Original über- oder unterlegen war.
Gekürzte Rede
19 Jahre lang hätte Rolf Alder als Stadtammann nur Rutenzüge unter besten Wetterbedingungen erlebt. Aber ausgerechnet in seinem ersten Amtsjahr wäre das nicht so gewesen. Das berühre ihn bis heute. Das muss 1990 gewesen sein. Der damalige Stadtrat hatte nämlich beschlossen, den im April 2016 leider verstorbenen Brugger (Lebens-)Künstler Heinz Antonius Stäuble (Stan) als Jugendfestredner zu engagieren, was damals nach den üblichen Honoratioren und bisweilen faden Politikern nach eifriger Diskussion doch ein mutiger und ungewöhnlicher Entscheid war, den der Stadtrat nicht bereuen musste, denn die Rede mit Musikbeigabe wurde allgemein gerühmt.
Weniger gerühmt wurde allerdings die potenzielle Entwicklung des Wetters, die zu beobachten dem Stadtschreiber Markus Roth oblag. Auch an diesem Donnerstag hatte er «mit Kloten telefoniert» und einen pessimistischen Entscheid erhalten. Es würde vermutlich bereits am Morgen zu regnen beginnen. Und zwar etwa während der Rede von Stan, was dazu führte, dass man ihn bat, seine Ansprache zu kürzen, was dieser dann klugerweise tat.
Denn kaum hatte er die Kurzversion beendet, begann es zu giessen, dass selbst die Wettergötter sich schämten. Das Publikum preschte auseinander, suchte Schutz in der Freudenstein-Turnhalle und in den Gängen des Schulhauses. Man stelle sich nur kurz vor, der Wolkenbruch wäre mitten in die ursprünglich längere Rede von Stan und auf das Elektropiano niedergegangen.
Im Übrigen habe es am Nachmittag weitergeregnet, was die Stimmung nicht eben aufgehellt habe. Erst am Abend sei besseres Wetter aufgezogen. Somit waren immerhin das Feuerwerk und der Heimzug gerettet. Es bleibt zu vermuten, dass Stan jedes Jahr einmal im Himmel oben Petrus oder sonst einen Wetterfritzen ermahnt, gefälligst keine Wolken am heiligen Brugger Donnerstag aufzufahren.
Die Frau, die zweimal die Rede hielt
Das hatte offenbar 26 Jahre später in der himmlischen Wetterzentrale einmal kein Gehör gefunden. Stan konnte 1990 immerhin seinen Sermon noch halten, bevor der Regen die Morgenfeier flutete. Das war 2016 Verena Rohrer, der jetzigen Standortförderin für den Aargau, nicht vergönnt. Denn über ihr begann es wirklich genau zu Beginn ihrer Ansprache zu schütten, dass die Sonne eine Herzkrise bekam. Es gab dann nur noch eine Variante für den weiteren Feierverlauf. Stadtammann und Ex-Pilot Daniel Moser sah sich gezwungen, die Feier abzubrechen und die Teilnehmenden ins Trockene zu schicken. Denn in diesem Ausmass habe er noch keinen Wolkenbruch erlebt. Später entschied dann der Stadtrat, dass Verena Rohrer im kommenden Jahr ihre Rede doch noch halten kann, was sie dann mit Bravour tat.
Das geschah 2017, allerdings unter veränderten politischen Bedingungen. Wegen diverser Anschläge im Ausland von Attentätern, die mit Fahrzeugen in Menschengruppen rasten, verlangte Michael Leupold, Chef der Kantonspolizei, dass die Jugendfestumzüge in Aarau, Zofingen, Lenzburg und Brugg massiv abgesichert werden. Die Sicherheitsverantwortlichen inklusive der Polizeichefs trafen sich dann in Lenzburg, um die Möglichkeiten und das gemeinsame Vorgehen zu besprechen. In Brugg kamen Lastwagen mit abgestellten Mulden an den neuralgischen Punkten zum Einsatz.
Und noch etwas ausserhalb des Courant normal geschah bei der Tagwache auf dem Hexenplatz. Dieses Mal wurden 12 anstatt der üblichen 11 Schüsse abgefeuert. Mit dem Zusatzschuss gedachte man des ehemaligen Jugendfestkanoniers und Gerichtspräsidenten Hansruedi Rohr, der zu Beginn jenes Jahres verstorben war.
Rutenzug 1973: Ab in die Moderne
In jenem Jahr ging die Ära von Stadtammann Eugen Rohr zu Ende, der ins Obergericht gewählt worden war. Da gab es Freibier mit Schinkenbroten auf der Schützenmatt, und man begrüsste den für damalige Begriffe doch als sehr jung taxierten Nachfolger Hans Peter Howald und setzte in den Neuen etwas Hoffnung für das in jenen Jahren noch massiv konservativere Brugg.
Überhaupt schien sich an diesem Jugendfest in Brugg fünf Jahre nach 1968 eine leise Tendenz zu Veränderung und Verjüngung anzukündigen. Denn in diesem Jahr marschierten die ehemaligen Kadetten bereits ohne Uniform, ohne Gewehre und ohne militärischen Habitus mit. In den Jahren danach gab es zwar immer wieder freiwillige Nostalgie-Uniformumzüge, aber 2003 war das ebenfalls vorbei.
Und es darf zudem daran erinnert werden, dass nicht erst heute, sondern schon 1973 ein junger Redner engagiert wurde. Das erste und einzige Mal im 20. Jahrhundert hielt ein Schüler die Jugendfestrede, nämlich der 19-jährige Kantonsschüler Rolf Theiler. Er soll zwar sehr nervös gewesen sein. Ihm war es aber ein Anliegen, den älteren Leuten zu zeigen, was die Jungen wollen und können.
Seine Rede war ungewöhnlich. Seine Gedanken basierten nicht auf jahrzehntelangen Erfahrungen. Er war erst drei Jahre zuvor aus der Bezirksschule ausgetreten. Er sprach davon, wie sich seine eigene Auffassung über das Jugendfest verändert habe und wie zentral das Jugendfest für ihn geworden und auch für so manche sei. Es solle aber seinen traditionellen Kern bewahren, selbst wenn sich die Zeiten änderten. (Verf.: Und heuer sogar eine Slam-Poetin die Rede hält.)
Und noch ein letztes Malheur, mir soeben zugetragen: 1999 war der Jugendfestredner der spätere Stadtammann Daniel Moser. Als er von Stadtammann Rolf Alder zum Rednerpult geführt wurde, erlebte er beim Griff in die Vestontasche jene gefürchteten Schrecksekunden des Lebens. Wo war sein Manuskript? Dann die Erinnerung. Es lag im unteren Fach des Rednerpults. Der Tag war gerettet. Und geregnet hatte es auch nicht.