Mit heissem Brei nach Strassburg

Am 19. August macht die Hirsebreifahrt, die auf eine Wette zwischen Zürich und Strassburg im 15. Jahrhundert zurückgeht, Halt in Baden.
Freundschaft geht durch den Magen. (Bild: Darstellung der 2. Hirsebreifahrt. von Johann Konrad Werdmüller, um 1850)

Die Hirsebreifahrt ist eine der bedeutendsten historischen Traditionen Zürichs. Bis heute ist sie ein Symbol für die jahrhundertealte Freundschaft zwischen den Städten Zürich und Strassburg. Ihren Ursprung hat sie im Jahr 1456, als junge Zürcher Schiffer und Schützen im Rahmen eines Strassburger Freischiessens die Strecke von Zürich nach Strassburg innerhalb eines Tages auf Limmat, Aare und Rhein zurücklegten. Anlass für diese erste Hirsebreifahrt war vermutlich eine Episode aus dem Jahr 1455. Strassburger Handelsleute waren in Eglisau vom Grafen Alwig von Sulz gefangen genommen worden. Eine Freischar aus verschiedenen Orten, angeführt von Zürchern, befreite die Kaufleute. Dieses Ereignis wurde zu einem sichtbaren Beweis dafür, dass die Strassburger im Konfliktfall auf Hilfe aus der Eidgenossenschaft zählen konnten. Mit der Fahrt nach Strassburg im Jahr darauf sollte diese Freundschaft gefeiert werden. Als Beweis ihrer Schnelligkeit hatten die Zürcher damals einen Topf frisch gekochten Hirsebreis bei sich, der bei ihrer Ankunft noch warm gewesen sein soll.
Damit wollten die Zürcher beweisen, dass die Stadt ihren Verbündeten im Ernstfall rasch militärische Hilfe leisten konnte. Die Fahrt war damit weit mehr als eine sportliche Leistung – sie war ein Ausdruck politischer Verbundenheit und gelebter Städtefreundschaft. 120 Jahre später, im Jahr 1576, wurde die historische Fahrt anlässlich eines weiteren Schützenfestes in Strassburg wiederholt. Diese zweite Hirsebreifahrt entwickelte sich durch zeitgenössische Berichte und literarische Werke zu einer der bekanntesten historischen Erzählungen der Eidgenossenschaft.

Wiederbelebung in der Neuzeit
Die enge Beziehung zwischen Zürich und Strassburg reicht jedoch über die Hirsebreifahrt hinaus. Schon vor der ersten Fahrt verband beide Städte ein Bündnis, das sich in gemeinsamen politischen und militärischen Interessen widerspiegelte. Auch nach Rückschlägen, etwa während des Schwabenkriegs, bei dem die beiden Städte auf unterschiedlichen Seiten standen, wurde die Freundschaft erneuert und später durch gemeinsame reformatorische Bestrebungen weiter gestärkt.
Nach einer längeren Unterbrechung wurde die Tradition der Hirsebreifahrt 1946 durch den Limmat-Club Zürich wiederbelebt. Seither findet sie in regelmässigen Abständen – in der Regel alle zehn Jahre – statt und erinnert an die gemeinsame Geschichte sowie an die Bedeutung von Freundschaft und Zusammenarbeit über Landesgrenzen hinweg. Am 19. August ist es wieder soweit. Dann begeben sich Vertreterinnen und Vertreter der traditionsreichen Zürcher Gesellschaften, der Zünfte, der Stadtregierung sowie Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft, Kultur und Sport auf eine neuerliche Flussreise nach Strassburg und machen dabei auch in Baden Halt. Zwar sind die Hirsebreifahrten der Neuzeit wegen Laufwasserkraftwerken und ähnlichen Hindernissen auf den Flüssen nicht mit den historischen Fahrten vergleichbar. Doch durch sie wird noch heute jeweils ein neues Kapitel der über 570-jährigen Freundschaft zwischen Zürich und Strassburg geschrieben. Die diesjährige Hirsebreifahrt markiert zudem das 450-Jahr-Jubiläum der berühmten Fahrt von 1576.

Darstellung der Hirsebreifahrt in einem kolorierten Stich von H. Meyer aus dem Jahr 1797

Umzug durch die Bäderstadt
Die Fahrt wird jeweils mit traditionellen hölzernen Langschiffen durchgeführt, so auch in diesem Jahr. Diese historischen Wasserfahrzeuge gehören bis heute zu den grössten Schiffen, die auf der Limmat verkehren können. Während der gesamten Reise wird der frisch zubereitete Hirsebrei mitgeführt.
Die Hirsebreifahrt 2026 findet vom 19. bis 23. August statt. Die Route führt über die Flüsse Limmat, Aare, Rhein und Ill. Unterwegs wird in mehreren historisch bedeutenden Städten Halt gemacht. In Baden, Laufenburg, Rheinfelden, Basel, Breisach am Rhein und schliesslich Strassburg werden die Teilnehmenden jeweils von Vertretern der Behörden, Zünfte, Vereine und der Bevölkerung feierlich empfangen.
Die diesjährige Fahrt beginnt am Mittwochmorgen auf dem Zürcher Lindenhof mit der offiziellen Verabschiedung der Hirsebreifahrenden. Nachdem hier bereits ein erstes Mal Hirsebrei an die Bevölkerung verteilt wurde, machen sich die Schiffe auf den Weg Richtung Baden. Dort werden die Langschiffe um etwa 17.30 Uhr oberhalb der Sportanlage Aue erwartet und von der Zunft zur Sankt Cordula empfangen. Ein gemeinsamer Umzug durch die Altstadt sowie ein offizieller Empfang mit Vertretenden der Stadt Baden, des Stadtrats von Zürich, verschiedener Vereine und zahlreichen Gästen bilden den festlichen Abschluss des ersten Reisetages.

Traditionelles Kräftemessen
Am Donnerstag erreicht die Hirsebreifahrt Rheinfelden. Die Ankunft der Schiffe wird mit Böllerschüssen angekündigt und von der Stadtmusik Rheinfelden begleitet. Am Freitag setzen die Hirsebreifahrenden ihre Reise nach einem Aufenthalt in Basel Richtung Breisach am Rhein fort. Dort erfolgt am Abend ein weiterer festlicher Empfang mit einem Umzug durch die Altstadt.
Den Höhepunkt der Hirsebreifahrt bildet das Wochenende in Strassburg. Am Samstagnachmittag wird die Flotte am historischen Fischmarkt erwartet. Nach einem Platzkonzert der Stadtmusik Zürich in historischen Uniformen werden die Teilnehmenden von der Maire de Strasbourg, Catherine Trautmann, sowie vom Zürcher Stadtpräsidenten Raphael Golta begrüsst. Anschliessend wird der während der gesamten Reise mitgeführte Hirsebrei an die Bevölkerung verteilt.
Ihren Abschluss findet die Hirsebreifahrt am Sonntag mit den traditionellen Wettkämpfen zwischen den Vereinen beider Städte. Dazu gehören das Wettschiessen zwischen der Schützengesellschaft der Stadt Zürich und dem Racing Club de Strasbourg, Section Tir, ebenso wie das Schifferstechen zwischen dem Limmat-Club Zürich und der Société Nautique Gaenselspiel.