Auf den Spuren des Sterns des Meeres

In rund eineinhalbjähriger Kleinarbeit liess Hubert Spörri ein Stück Wettinger und Killwanger Lokalgeschichte auferstehen.
Eines der wenigen Fotos des aufwendig bemalten und möblierten Abtzimmers. (Bild: zVg)

Killwangen | Wettingen – Am Heitersberg, hoch über Killwangen, stand bis 1920 das Bauerngut auf dem Sennenberg. Das Gutswesen gehörte ab dem Jahr 1234 dem Kloster Wettingen. Ihm angegliedert war ein Erholungsheim für die dort lebenden Wettinger Zisterziensermönche, das um das Jahr 1680 auf Geheiss von Nikolaus Göldin gebaut wurde, der dem Kloster von 1676 bis 1686 als Abt vorstand. Im zweiten Obergeschoss war dieses mit Wand- und Deckenmalereien versehen, die heute zerstört sind.

Im Dachgeschoss des Hauses liess sein vierter Nachfolger, Abt Alberik Beusch, ein ausschliesslich für den Abt bestimmtes Zimmer mit prächtigen Malereien ausstatten. Das Heim wurde nach der Aargauer Klosteraufhebung nach und nach umgebaut. Insbesondere einem umfassenden bau­lichen Eingriff im Jahr 1920 fiel ein Grossteil der historischen Bausub­stanz zum Opfer. Dabei ging der gesamte Oberbau des Gebäudes verloren. Lediglich das Kellergeschoss mit den massiven Umfassungsmauern blieb erhalten. Vom einstigen Abtzimmer finden sich heute nur noch einige wenige Fotografien im historischen Museum in Baden.

Der ehemalige Wettinger Lehrer Hubertus Spörri. (Bild: Peter Graf)

Aufwendige Recherche
Der ehemalige Wettinger Lehrer Hubert Spörri beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit der Geschichte des Klosters Wettingen. In den letzten eineinhalb Jahren hat er sich ganz der Aufgabe verschrieben, das Abtzimmer anhand der wenigen vorhandenen Informationen auferstehen zu lassen. In über 3000 Stunden Arbeit hat er das aufwendig dekorierte und ausgestattete Zimmer massstabgetreu ­rekonstruiert und in der Lindhofscheune in Oberrohrdorf aufgestellt.
Nach aufwendiger Recherchearbeit unter erschwerten Umständen und nach vielen Stunden der Umsetzung steht die Nachbildung des Abtzimmers nun in voller Pracht auf der anderen Talseite des Heitersbergs, auch wieder in einem Bauerngehöft.
Der heute 83-jährige Hubert Spörri hat sich hauptsächlich der Neumalung der Tafelbilder aus dem 18. Jahrhundert verschrieben, die einst den Dachstock im ehemaligen Erholungsheim des Klosters Wettingen auf dem Sennenberg schmückten. Keine einfache Aufgabe, denn genau wie das Bauerngut existiert der grösste Teil der ­Malereien, die einst das Zimmer schmückten, heute nicht mehr. Einige davon werden heute im Historischen Museum Baden aufbewahrt, gesehen hat sie Hubert Spörri aber nie: «Mir wurde mitgeteilt, dass die Bilder verpackt seien und nicht besichtigt werden könnten.» Davon liess sich der pensionierte Lehrer, Chorleiter und leidenschaftliche Amateurhistoriker aber nicht beirren. Anhand einiger weniger Schwarz-Weiss-Fotos aus dem Jahr 1919 und einer sehr begrenzten Anzahl Farbaufnahmen gelang es Hubert Spörri, das Abtzimmer auferstehen zu lassen.

Dank Hubert Spörri erstrahlt das einstige Sennenberger Abtzimmer in neuem Glanz. (Bild: zVg)

Die ersten Entwürfe fertigte ­Hubert Spörri noch in der Garage bei sich zu Hause in Wettingen an. Diese erwies sich für das Vorhaben aber rasch als zu klein. Glücklicherweise war in der Zwischenzeit der frühere Oberrohrdorfer Gemeindeammann Toni Merki auf das Projekt aufmerksam geworden und stellte dafür eine Scheune in Oberrohrdorf zur Verfügung. Dort machte sich Hubert Spörri daran, dem ehemaligen Abtzimmer all seine Geheimnisse zu entlocken. Trotz der dürftigen Quellenlage gelang es ihm, viele Einzelheiten zu rekonstruieren. Dabei kam ihm zugute, dass beispielsweise die abgebildeten Wappen in anderem Kontext koloriert vorliegen. Zwar blieben einige Details verborgen, dafür gelangte der 83-Jährige bei seiner Arbeit aber zu neuen Erkenntnissen. «Nach tagelangem Brüten ist es mir beispielsweise gelungen, das Gebet über dem Wappen des Klosters Wettingen zu entziffern», erklärt Hubert Spörri.

Frische Erkenntnisse
Allein der Umstand, dass das Zimmer für den Gebrauch des jeweils amtierenden Abts des Klosters Wettingen gedacht war, kam erst im Zuge von Hubert Spörris Recherchen zutage. Darauf stiess er bei Gesprächen mit den Nachfahren der früheren Pächter des Sennenberghofs. Genauso fand er heraus, dass das Weihrauchfass im Blumenkranz um das Wappen von ­Alberik Beusch auf die Neubelebung des Jakobswegs im Zuge der Gegenreformation ab Mitte des 16. Jahrhunderts hinweist. Abt Alberik Beusch würdigte das, indem er auf den Sennenbergmalereien die Symbole Weihrauchfass und Jakobsmuschel anbringen liess, ungewöhnlicherweise in einem Kranz von Blumen, der sein Wappen und jenes des Klosters Wettingen umgibt.
Zielort der Wallfahrten war und ist die Kathedrale von Santiago de Compostela in Spanien, wo an bestimmten Tagen ein riesiges Weihrauchfass in grosser Höhe hin und her geschwenkt wird. Ein Teil des Jakobsweg, der in Nordeuropa beginnt, führt durch Wettingen, wo Alberik Beusch von 1721 bis 1745 als 37. Abt des Zisterzienserklosters Wettingen amtete.

Die Rekonstruktion des Abtzimmers erforderte viel Detailarbeit. (Bild: zVg)


Dass es sich bei der Muschel im Blumenkranz um das Wappen des Klosters Wettingen um die Jakobsmuschel, das Symbol für den heiligen ­Jakob, handelt, dessen Grab sich angeblich in der spanischen Kathedrale befindet, entdeckte er ebenfalls.
Auch die Erstidentifizierung des vermeintlichen Schlossgärtners auf dem Bild mit dem französischen Schloss gehört zu den neuen Erkenntnissen: Bei dem Abgebildeten handelt es sich einiger Wahrscheinlichkeit nach um André Le Nôtre, den Gartenarchitekten Louis XIV., des Sonnen­königs, der die europäischen Schloss- und Parkanlagen massgeblich beeinflusste. «Diese Entdeckungen waren für mich totale Überraschungen», gesteht Hubert Spörri, «wenn auch sehr freudige.»
Bei seiner Arbeit blieb dem früheren Lehrer nicht verborgen, dass der oder die Maler der Bilder durchaus über Humor verfügten. Das gehe aus vielen Details hervor. So zeigt ein Bild beispielsweise einen Jüngling auf einem Baum, der bei dem Versuch ertappt wird, durch ein erhöhtes Fenster zu spähen. Weiter sind Andeutungen auf den übergrossen Durst der Maler mancherorts zu finden.

Prominente Gäste
Weshalb machte sich Hubert Spörri diese Mühen? In erster Linie ging es ihm bei dem Projekt darum, das frühere Abtzimmer der Öffentlichkeit ­zugänglich und für die Menschen erlebbar zu machen. «Ich möchte aufzeigen, was 1841 durch die Klosterauf­hebung im Aargau verloren ging», ­bekräftigt er. Daneben ist es ihm als Pädagoge ein Anliegen, die Geschichte rund um das Kloster Wettingen den heutigen Schülerinnen und Schülern näherzubringen. Entsprechend erarbeitete Hubert Spörri neben dem Abtzimmer Dutzende von Arbeitsblättern und zusätzliche Lernunterlagen und hat alle Schulen in der näheren Umgebung dazu eingeladen, sich nach Abschluss des Projekts mit den Früchten seiner Recherchen und seiner Arbeit auseinanderzusetzen.
Offiziell eingeweiht wird das re­plizierte Abtzimmer am Sonntag, 26. April, in der Lindhofscheune in Oberrohrdorf. Regierungsrat Markus Dieth wird es im Rahmen eines Festakts um 11 Uhr der Öffentlichkeit zugänglich machen. Der Gemeinderat Oberrohrdorf und die Kulturkommission offerieren den Gästen zu diesem feierlichen Anlass mit musikalischer Umrahmung einen Apéro.
Neben kurzen Führungen durch das Abtzimmer vermitteln Schautafeln Wissenswertes zur Geschichte des Klosters Wettingen und des Sennenbergs. Und eine Festwirtschaft sorgt bis 16 Uhr für Speis und Trank. Der Weg zur Lindhofscheune ist ab dem Gemeindehaus beschildert. Parkplätze sind auf dem Festgelände vorhanden, der Eintritt ist kostenlos. Der reich bebilderte, 44-seitige Katalog zur Ausstellung kann direkt bei Hubert Spörri unter hubertspoerri@hotmail.com bestellt werden.

Wer die Vernissage aus terminlichen Gründen verpasst, kann den Besuch des Abtzimmers am Museumstag, 17. Mai, ab 10.30 Uhr nachholen. Auch dann gibt es Führungen und eine kleine Festwirtschaft. Am 19. Mai schliesslich führt eine Exkursion der Volkshochschule Wettingen ins Abtzimmer nach Oberrohrdorf.

Sonntag, 26. April, 11 bis 16 Uhr
Lindhofscheune, Oberrohrdorf
zaehnteschuer.ch