«Vielleicht bin ich zu sehr Landei»

Simon Enzler gastiert mit ­seinem mittlerweile zehnten Bühnenprogramm ­«Zmetztinne» am 2. und 3. Mai im Kurtheater Baden.
Simon Enzler wurde mit den Jahren milder und will heute in erster Linie unterhalten, nicht mehr belehren. (Bild: Christian Lanz)

Baden – Der vielfach preisgekrönte Appenzeller Humorist Simon Enzler (50) ist ­Anfang Mai einmal mehr in Baden zu sehen und zu hören. Vorab spricht er im Interview über Alterserscheinungen, Sozialschmiermittel und seinen Tinnitus.

Simon Enzler, 25 Jahre nach Ihrem ersten Programm «Schampeselisee» scheinen Sie sich äusserlich kaum verändert zu haben …  
Das ist Ansichtssache. Wenn ich mich selbst im Spiegel anschaue, denke ich: «Um Himmels wille, wie die Ziit vergoht!» Da hatte ich noch schön volles und vor allem blondes Haar. Und jetzt ist es schütter und aschgrau, bestenfalls aschblond. Ich habe Schulkollegen, die ganz anders aussehen, aber ich gebe mir auch nicht wahnsinnig viel Mühe. Im Badezimmer habe ich nur eine Creme für meine Füsse. 

Sie gehören zur Generation X. Was unterscheidet Sie von der Generation Z, die Sie in Ihrem Programm aufs Korn nehmen?
Wir hatten noch relativ viele soziale Kontakte mit Gleichaltrigen, während aktuelle Untersuchungen ergaben, dass die heutigen Jungen mehr Zeit in ihre Selbstoptimierung investieren und dabei etwas vereinsamen. Aber wo sollen sie sich auch treffen? Das Angebot an Beizen und Discos hat abgenommen, speziell seit dem Lockdown. Ausserdem wagen sie erst später den Schritt in die Selbstständigkeit. Sie ziehen die Bequemlichkeit im Elternhaus einer WG vor und warten lieber, bis sie sich eine eigene Wohnung leisten können.

Welche Entwicklung nehmen Sie bei Ihren zwei Söhnen wahr, der Generation Alpha?
Momentan machen sie die Gaming-Phase durch, wobei der Ältere bereits an einem Punkt ist, wo sich sein Fokus verändert. Seit er durch den Übertritt von der Primar- in die Oberstufe viele neue Kontakte geknüpft hat, zieht er sogar mit anderen 15-Jährigen um die Häuser. Und ich finde das besser, als wenn er nur zu Hause sitzen würde. 

Sie werden ihn aber sicher nicht animieren, Alkohol zu konsumieren. Obwohl ich das Gefühl habe, dass das Trinken bei Ihnen manchmal um der Lacher willen verharmlost wird.
Ich will keinesfalls für das Saufen Werbung machen, überhaupt nicht. Gewisse Provokationen haben mit einer Studie über die Rolle des Alkohols als «Sozialschmiermittel» zu tun oder sind eine Reaktion auf unsere überbehütete Gesellschaft, in der auf so vieles verzichtet wird, weil ja sonst die Gefahr bestünde, dass das Leben noch lustig wird …

Das Thema ist aber auch ein Mittel, um im Saal schnell für Stimmung zu sorgen.
Grundsätzlich bin ich über jede funktionierende Pointe froh. Dabei ist es für mich normal, dass jede von ­ihnen andere Qualitäten besitzt. Für mich steht im Vordergrund, dass sich die Leute gut unterhalten fühlen. Dafür schrecke ich nicht vor einem ­Kalauer zurück, wenn er zur Nummer passt und lustig ist. Natürlich freut es mich, wenn ich einen kritischen Gedanken einbauen kann, aber mein pädagogisches Sendungsbewusstsein nimmt jedes Jahr ab.

Woran liegt das?
Als ich mit 20 Jahren auf der Bühne stand, war ich noch so von mir selbst überzeugt, dass ich dachte: «Jetzt hau ich den Leuten die Wahrheit um die Ohren. Schliesslich weiss ich, wie der Hase läuft.» Dann wurde mir jedoch bewusst, dass Menschen, die den ­ganzen Tag hart gearbeitet haben, am Abend nicht noch von einem eingebildeten Schnösel hören wollen, was sie alles falsch machen.

Sie bezeichnen sich nicht mehr als Kabarettist, sondern als Komiker, der nicht abgehoben, sondern ­nahbar ist. Wie äussert sich das im Alltag?
Ich bin so nahbar, dass ich oft froh wäre, wenn mich meine Frau oder Freunde aus gewissen Situationen befreien würden. Zum Beispiel wenn mich Leute in der Öffentlichkeit ansprechen, um mir lang und breit zu erzählen, woher sie mich kennen und wie lustig sie mich finden, aber nicht daran denken, dass ich nur ein Brot kaufen und gleich nach Hause wollte, um für die Kinder zu kochen, die bald aus der Schule kommen. Ich selbst würde es nämlich nie fertigbringen, ihnen zu sagen, dass ich wirklich weitermuss. Dazu bin ich vielleicht zu sehr ein Landei. 

Sind Sie deswegen 2003, nach vier Jahren in Zürich, ins Appenzell ­zurückgekehrt?
Zunächst waren berufliche Gründe ausschlaggebend. Ich beschloss, mein Studium abzubrechen und ganz auf die Bühne zu setzen. Obwohl Zürich für meine Auftritte zentraler liegen würde und ich die Zeit dort sehr ­genossen habe, zog es mich zurück zu meinen Wurzeln. Schliesslich schöpfe ich meine Texte aus diesem Kulturkreis. Geblieben bin ich auch, weil meine Frau und ich es für den besten Ort hielten, um eine Familie zu gründen. 

Stammt sie ebenfalls aus dem ­Appenzell?
Ich ging mit ihrem Bruder in die Primarschule, und wir sind in der Nachbarschaft aufgewachsen, aber wir hatten nie ein Auge aufeinander geworfen. Dann lebte sie für ihr Jurastudium und Praktika sieben Jahre in Zürich. Und irgendwann lernten wir uns an einer Landsgemeinde beim Tanz richtig kennen.

Was hat Sie inspiriert, Komiker zu werden?
Vor allem Künstler, die Geschichten auf eine Weise erzählen konnten, die ihr Publikum zum Lachen brachte. Ich bewundere einen Emil extrem, mit welcher Energie er heute noch, mit über 90 Jahren, seine ­Nummern spielt, denn ich weiss, wie viel Konzentration und Spannung nötig sind, damit sie einem abgekauft werden. 

Ist der appenzellische Dialekt ein Bonus?
Natürlich kann unser prägnanter Dialekt schon für sich allein amüsant sein. Das merke ich daran, dass sogar in unserem Kanton neben englischen immer mehr alte Appenzeller Ausdrücke in die Jugendsprache einfliessen. Ich würde auf der Bühne aber nicht von einem Flickflauder sprechen, wenn 95 Prozent des Publikums nicht wissen, dass es sich um einen Schmetterling handelt.

Unterscheiden sich Ihre Heimspiele von Ihren Auswärtsauftritten?
Ich bin jemand, der seine Texte ­wahnsinnig genau lernt. Wortwörtlich. Ich spreche sie höchstens ein ­wenig nasaler, doch ist mir klar, dass mich Dialektapostel ohnehin ­kritisieren werden. Früher hat man mich gefeiert, weil man darauf stolz war, dass ein Appenzeller eine gewisse Prominenz erlangt hat, heute muss ich mich, wie ein reiferer Fussballer, jedes Mal von Neuem beweisen. 

«Zmetztinne» handelt von verschiedenen Gebrechen. Sind Sie tatsächlich weitsichtig?
Es wird schlimmer und schlimmer. Ich hatte den Kauf einer Lesebrille zwei Jahre hinausgezögert. Als ich beim Fischen den Silch nicht mehr durchs Loch ziehen konnte, wusste ich jedoch, was es geschlagen hatte. 

War die sowohl ernsthafte als auch humorvolle Nummer über den ­Tinnitus, unter dem Sie seit 2022 leiden, für Sie eine Art Therapie?
Ich habe sie geschrieben, als ich mich mit meinem Ohrengeräusch schon versöhnt hatte. Zuerst probierte ich alles aus, um es loszuwerden, selbst wenn die Chance noch so gering war. Dabei hatte mich mein Arzt von Anfang an gewarnt: Bei 80 Prozent der Tinnitusbetroffenen helfen Therapien gar nichts, nur 20 Prozent haben Glück. Zu ihnen zähle ich leider nicht.  

Samstag, 2. Mai, 20 Uhr
Sonntag, 3. Mai, 17 Uhr
Kurtheater, Baden
simonenzler.ch