Begegnungsraum auf Rädern

Die Brüder Riklin aus St. ­Gallen lancieren mit den RVBW ein Pilotprojekt zum Thema «Begegnungsraum im öffentlichen Verkehr».
Von links: Frank Riklin, Wettingens Gemeindeammann Markus Haas, RVBW-Direktorin Irina Leutwyler, Badens Stadtammann Markus Schneider und Patrik Riklin. (Bild: sim)

Wettingen – Das Kunst- und Mobilitätsprojekt ­«Linie null» der St. Galler Konzeptkünstler Frank Riklin und Patrik ­Riklin bringt im Raum Baden-Wettingen ein bewusst ungewöhnliches Experiment in den öffentlichen Verkehr: In Zusammenarbeit mit den Regionalen Verkehrsbetrieben Baden-Wettingen (RVBW) verkehrt im Rahmen eines Pilotprojekts ab dieser Woche ein Bus ohne festgelegtes Ziel und ohne klassischen Fahrplan. Der Bus wird sich nach Gutdünken des Fahrers oder der Fahrerin auf dem RVBW-Liniennetz bewegen. Fahrgäste können kostenlos ein- und aussteigen, «jedoch nicht mit dem Ziel, möglichst effizient von A nach B zu gelangen, sondern um sich auf eine offene, vom Zufall geprägte Erfahrung einzulassen», wie Patrik Riklin am Montag anlässlich eines Medientermins in Wettingen erläuterte. Damit wird das Prinzip des öffentlichen Verkehrs gezielt umgekehrt und der Bus als sozialer Begegnungsraum neu gedacht.

Neue Perspektiven
Im Zentrum des Projekts steht die Idee, dem zunehmenden Effizienz- und Optimierungsdruck moderner Mobilität eine alternative Form des Unterwegsseins entgegenzustellen. Die «Linie null» soll Raum für spontane Begegnungen, Gespräche und neue Perspektiven schaffen und knüpft damit an das Konzept des ­«Resonanzraums» des Soziologen Hartmut Rosa an, in dem Menschen in Beziehung zueinander und zu ihrer Umwelt treten. Der Bus wird so zu einem Ort, an dem Inhalte nicht vorgegeben sind, sondern durch die Fahrgäste selbst entstehen. «Das Fehlen des Programms ist selbst Programm», führt Frank Riklin aus.
Auftakt ist am 30. April mit einer ersten Fahrt ab Baden Bahnhof Ost, danach folgt eine dreiwöchige Pilotphase mit ausgewählten Betriebstagen in der ersten Maihälfte. Unterstützt wird das Projekt von den Gemeinden Baden und Wettingen sowie Partnern aus Forschung und Mobilität, darunter die Universität St. Gallen. Ziel ist es, Erkenntnisse darüber zu gewinnen, ob ein solches Angebot gesellschaftliche Bedürfnisse nach Austausch, Spontaneität und Gemeinschaft anspricht und in Zukunft auf weitere Städte übertragen werden kann. «Sollte sich dieser Versuch als Erfolg erweisen, wollen wir das Konzept schweizweit anbieten», erklärt Frank Riklin.
Darüber hinaus versteht sich das Projekt als Beitrag zur Förderung ­sozialer Verbundenheit und zur ­Bekämpfung von Isolation, indem es einen niederschwelligen Raum für ­Begegnung schafft. Statt Ticketkon­trollen werden während der Fahrten Eindrücke und Gedanken der Teilnehmenden gesammelt, um das Experiment auszuwerten. Weitere Infos zu den Abfahrtszeiten und zum Projekt sind unter rvbw.ch/fahrplane/linienull zu finden.