Zwischen Abhängigkeit und Angst

Hunderttausende ältere Menschen in der Schweiz erleben Gewalt. Der Seniorenrat will das Schweigen zu diesem Thema brechen.
Gewalt im Alter: Scham, Abhängigkeit und Angst halten viele Betroffene davon ab, Hilfe zu suchen. (Bild: adobestock.com)

Brugg – In der Schweiz geraten jedes Jahr mehr als 300 000 Menschen über 60 Jahre in Situationen, in denen sie Gewalt erleben: körperlich, psychisch oder in Form von Vernachlässigung und finanzieller Ausbeutung. Trotz dieser hohen Zahl ist das Problem weitgehend unsichtbar. Viele Betroffene schweigen aus Scham oder aus Angst, ihre ohnehin fragile Lebens­situation könnte ganz aus dem Gleichgewicht geraten.

Fachstellen, Polizeikorps und Organisationen aus dem Bereich Alter und Opferhilfe versuchen nun, dieses Schweigen zu brechen. Sie rufen ältere Menschen und ihr Umfeld dazu auf, über belastende Erfahrungen zu sprechen und Unterstützung anzunehmen. Denn die Realität zeigt: Gewalt im Alter ist ein gesellschaftliches Tabu, und das Dunkelfeld ist enorm. Eine Untersuchung der Fachhochschule La Source im Auftrag der Schweizerischen Kriminalprävention verdeutlicht, weshalb ältere Menschen so selten Hilfe suchen. Viele sind gesundheitlich angeschlagen und auf Unterstützung angewiesen. Oft von genau jenen Personen, von denen die Übergriffe ausgehen. Die Angst, die Kontrolle über das eigene Leben zu verlieren, in ein Heim ziehen zu müssen oder Beziehungen zu gefährden, wiegt schwer. Hinzu kommt eine Generationenhaltung, bei der familiäre Probleme lieber intern gelöst werden. Für manche ist es ein kaum überwindbarer Schritt, sich einzugestehen, dass man Unterstützung benötigt.

Respektvoller Umgang
Auch der Seniorenrat Brugg ist auf die Thematik aufmerksam geworden und lädt zusammen mit der Unabhängigen Beschwerdestelle für das Alter (UBA) zu einem aufschlussreichen Referat. «Unser Seniorenrat ist in unterschiedliche Themengefässe aufgeteilt – unter anderem gibt es eines zum Thema Wohlbefinden im Alter», sagt Brigitte Däpp, Vorstandsmitglied des Seniorenrats Brugg. In diesem Gefäss würden aktuelle Altersthemen behandelt: zum Beispiel Übergang ins Pensionsalter, Einsamkeit, Sterben, Sturzprävention und Ernährung, so Brigitte Däpp. 

Der Seniorenrat lädt zu öffentlichen Vorträgen oder Impulstreffen mit ausgewiesenen Fachpersonen ein. «Mit dem Referat ‹Konflikte lösen, Gewalt vermeiden, Wege zu einem rücksichtsvollen Miteinander› wollen wir informieren und aufklären», erklärt Brigitte Däpp. Im Anschluss an das etwa einstündige Fachreferat von Yvonne Hofstetter von der UBA wird der Kinofilm «Fliegenfischen oder Herr Bert und der Fetzenfisch» gezeigt. Darin geht es um einen älteren Mann, Herrn Bert, der an Demenz leidet und mehr und mehr in seine eigene fantasievolle Welt gleitet. Der Film zeigt daneben die Belastung seiner Tochter Maria, die ihn betreut und dabei zwischen Überforderung, Pflichtgefühl und dem Wunsch, alles richtig zu machen, steht. 

Yvonne Hofstetter wird in ihrem Vortrag konkret darauf eingehen, wieso Gewalt im Alter in unserer Gesellschaft tabuisiert ist. Sie wird in ihrem Referat zudem die unterschiedlichen Gewaltformen darlegen, denn Gewalt bei jüngeren Menschen zeigt sich häufig anders als bei älteren Menschen. Auch wird sie detailliert die «Gewalttreiber» aufzeigen und veranschaulichen, was dazu führen kann, dass plötzlich vermeintliche Kleinigkeiten im Alltag eskalieren. «Gewalt im Alter kann jede und jeden treffen. Deshalb trägt die gesamte Gesellschaft Verantwortung» so Yvonne Hofstetter.

Sensibilisierung der Beteiligten
Die aktuelle nationale Präventionskampagne richtet sich deshalb im Bereich Alter nicht nur an Seniorinnen und Senioren, sondern ebenso an Angehörige, Nachbarinnen, Betreuungspersonen und an Menschen, die selbst Gewalt ausüben. Gerade in der Pflege, zum Beispiel bei der Betreuung von demenzkranken oder stark pflege­bedürftigen Personen, kann Überforderung zu Grenzüberschreitungen führen.

Die Botschaft ist klar: Es ist nie zu spät, sich Hilfe zu holen oder Hilfe ­anzubieten. Ausserdem unterstützt das Nationale Kompetenzzentrum, das telefonisch, per E-Mail oder online erreichbar ist und Betroffene ­sowie Angehörige begleitet.

Mittwoch, 27. Mai, 14.30 Uhr
Odeon, Brugg