Pur, persönlich und provokant

Dope Kid rappt in seinem ­Album «Nirgendwo» über Identitätskrisen, Klassenkämpfe und das Gefühl, nirgends ganz zu Hause zu sein.
Rapper Dope Kid aus Baden öffnet mit seinem Album «Nirgendwo» die Tür zu seiner Seele. (Bild: zVg)

Baden – Der aus Baden stammende Rapper Mathu Manivannan alias Dope Kid präsentiert mit seinem neuen Album «Nirgendwo» ein Werk, das tiefer in seine persönliche Geschichte eintaucht als je zuvor. Als Kind tamilischer Flüchtlinge wuchs er in Baden auf, weshalb sich seine Wurzeln deutlich in seinen Texten spiegeln. «Ich rappe über die Suche nach Identität, Zugehörigkeit und das Leben zwischen den Kulturen», sagt der 30-Jährige.
Dass er dafür Rap wählt, passt: Die Stilrichtung, entstanden in der Bronx in New York, steht seit jeher für Ausdruck und Selbstbehauptung. Der rhythmische Sprechgesang dient als Ventil, um persönliche Geschichten und Themen wie Identität, soziale Spannungen oder Träume auf den Punkt zu bringen.

Zwischen Beats und Herkunft
Rap war für Mathu Manivannan nie nur Musik, sondern eine Möglichkeit, sich auszudrücken. Schon als Kind hörte er deutschen Rap, rappte mit und fand so den Zugang zu Rhythmus und Reimen. Mit 13 Jahren schrieb er erste eigene Lines. «Damals noch sehr schlecht», sagt er rückblickend. Doch er blieb dabei und entwickelte Schritt für Schritt seinen eigenen Stil. Geprägt wurde er von der Hochphase des Deutschraps rund um das deutsche Independent-Label Aggro Berlin und den bekannten Rapper Sido.
Heute ist Mathu Manivannans Zugang reifer. Seine Texte seien «real» und direkt aus seinem Leben gegriffen. Seine tamilische Herkunft, sein Aufwachsen und seine Erfahrungen prägen seine Musik und seine Haltung. Herkunft ist für ihn kein Image, sondern Teil seiner Identität und damit Teil seiner künstlerischen Ausdrucksform.
Was Rap für ihn besonders macht, ist die Verdichtung: Rhythmus, Reime und Text verschmelzen zu einer Energie, die Gefühle klar auf den Punkt bringt. «Man muss on point sein», sagt Dope Kid. Seine Songs entstehen aus Wut, Freude, Frust oder Klarheit, als Ventil, um Kopf und Herz zu ordnen.
Mit dem Album «Nirgendwo» geht er diesen Weg weiter und tiefer. Es handelt von Brüchen, Herkunft und dem Gefühl, nicht ganz anzukommen. Die Arbeit an dem Album sei befreiend und schmerzhaft zugleich gewesen: Manche Songs wirkten wie Therapie, andere legten alte Narben offen.

Mathu Manivannan gibt mit «Nirgendwo» Einblick in seine Gefühlswelt. (Bild: zVg)

Die Suche nach Heimat
Neun Jahre nach seinem Debütalbum sei für ihn der richtige Moment gekommen, sagt Mathu Manivannan. Lang habe ihm der rote Faden gefehlt, ein klares Konzept. «Jetzt hatte ich wieder Hunger auf ein grösseres Projekt», erklärt der Badener. Besonders persönlich sei der Titelsong «Nirgendwo». Ein Stück, von dem er überzeugt ist, dass er es in dieser Form vor ein paar Jahren noch nicht hätte schreiben können. «Die Reife hat damals gefehlt», sagt er rückblickend.
Geschrieben hat er viele Songs in seinem Badener Home-Studio, in den eigenen vier Wänden, ohne Ablenkung. «Wenn es nur dich und den Beat gibt, werden die Gedanken klarer», so der 30-Jährige. Aufgenommen wurde das Album in Luzern, doch die eigentliche Auseinandersetzung mit den Texten und der Musik fand oft im Stillen statt.
Das Gefühl, nirgendwo ganz dazuzugehören, zieht sich auch durch Mathu Manivannans Geschichte. Als Tamile in der Schweiz geboren, ohne ein eigenes Herkunftsland im klassischen Sinn, definiert er Heimat nicht geografisch. Heimat sei für ihn dort, wo seine Familie sei. Ein klarer Ort, an dem er sich vollständig zu Hause fühlt, existiert für ihn nicht. Dieses Gefühl sei manchmal belastend, aber vertraut: «Ich kenne es nicht anders.»

Offen für die Zukunft
Auch abseits der Bühne legt der Rapper Wert auf Authentizität und orientiert sich im Alltag am Vorbild seiner Eltern, die ihm als Antrieb dienen. Beruflich ist er bodenständig unterwegs: Nach einer Lehre im Detailhandel wechselte er in die IT-Branche, studierte Wirtschaftsinformatik und arbeitet heute als Informatiker bei der Stadt Brugg.
Doch die Musik ist ein zentraler Teil seines Lebens. Weitere Projekte hat er bereits im Kopf, selbst wenn konkrete Auftritte noch offen sind. Sein Lebensmotto bringt er selbst auf den Punkt: «Jusqu’ici tout va bien» (bis hierhin lief es gut). Und wer weiss, vielleicht ist genau dieses «Nirgendwo» letztlich kein Ort der Leere, sondern einer der Möglichkeiten.