Möglichst viel analoger Unterricht

Das Lernpodium in Wettingen feiert heuer zwei Jubiläen: 40 Jahre Sprachkurse und 25 Jahre Tagesschule. Ein Blick hinter die Kulissen.
Schulgründer Thomas Koemeter unterrichtet Deutsch und Geschichte. (Bild: mk)

Wettingen – Im vierten Stock des Gebäudes mit den markanten rotbraunen Brüstungen an der Landstrasse 15 in Wettingen herrscht aufgeräumte Stimmung. Es ist wohl das, was man eine konzentrierte Lernatmosphäre nennt. Thomas Koemeter, Gründer des Lernpodiums und Leiter der zugehörigen Tagesschule, bittet an diesem warmen Morgen zum Gespräch auf die Terrasse. Der Weg dorthin führt durchs Englischzimmer, wo eine Klasse dem Unterricht der Lehrerin folgt.
Im kurzen Austausch zwischen ­Koemeter, Lehrperson sowie den Schülerinnen und Schülern wird sofort das Familiäre und Ungezwungene spürbar, wie es nur in überschau­baren Gemeinschaften entsteht: Etwa 70 Kinder und Jugendliche werden hier unterrichtet, verteilt auf die 5. Primarschulklasse bis zur 3. Oberstufe auf Sek- und Bez-Niveau plus ein 10.-Schuljahr-Angebot. Sie teilen auch Erlebnisse wie Spielabende, Skilager, Marktverkäufe oder Waldweihnachten. Ein eingespieltes Team. Als es später ums Foto für die «Rundschau» geht, macht eine Englischschülerin spontan den Vorschlag, mit Koemeter ein Selfie zu machen. Aus Datenschutzgründen – «die Eltern müssten ihr Einverständnis geben» – lehnt er das Angebot dankend ab.

Flucht oder zusätzliche ­Förderung
Das Lernpodium ist eine Privatschule, die sich komplett selbst finanziert. Entsprechend tief muss man in die ­Tasche greifen, um sein Kind hier anzumelden. «Ja, manche haben vermögende Eltern», sagt Koemeter dazu. Oft arbeiteten beide Elternteile viel, zum Beispiel als Selbstständige, und seien froh, ihren Sohn oder ihre Tochter ganztags betreut zu wissen. «Dann gibt es aber auch Leute, die sich das Schulgeld zusammensparen, weil der Leidensdruck ihres Kindes an der staatlichen Schule zu gross geworden ist», sagt der 67-Jährige.
Mobbingbetroffene seien vor allem in den unteren Jahrgängen gut vertreten. Im Lernpodium wird auf Sozialkompetenz und Fairness Wert gelegt. Zugleich ist es eine klar leistungsorientierte Schule: In den oberen Jahrgängen gibt es Jugendliche, die zum Beispiel im ersten Anlauf den Übertritt an die Mittelschule nicht geschafft haben oder deren Eltern sich bessere Leistungen wünschen. Über alle Stufen gebe es ausserdem Kinder mit Teilleistungsschwächen, zum Beispiel starke Legasthenikerinnen sowie solche mit Autismus-Spektrum-Störung.
«Für solche Kinder ist es ein Vorteil, wenn bei uns nur 8 bis 14 Schülerinnen und Schüler im Zimmer sind. Denn sie reagieren stark auf Reize, Lautstärke und Bewegung», erklärt der Schulleiter. Zudem herrsche hier eine beruhigte Lernatmosphäre, weil sie auf Frontalunterricht und eine klare Führung durch die Lehrpersonen setzten. Ein weiterer Unterschied zu vielen anderen Schulen: «Wir arbeiten so viel wie möglich analog, also mit Büchern statt digitalen Lehrmitteln – und das auf Wunsch der Eltern.» Diese seien froh, wenn nicht auch noch die Schule für viel Bildschirmzeit sorge.

Thomas Koemeter unterrichtet Deutsch und Geschichte – wenn immer möglich mit analogen Mitteln. (Bild: mk)

Unterstützung durch Eltern
Gestartet ist das Lernpodium vor 40 Jahren mit Nachhilfe und Sprachkursen für Jugendliche sowie Erwachsene. «In den 1980er- und 1990er-Jahren buchten die Leute wie wahnsinnig Englischkurse», erzählt Koemeter, «eine Zeit lang war Spanisch sehr in Mode.» Heute seien Deutsch- und Englisch-Intensivkurse der Dauerbrenner. Vor 25 Jahren erweiterte der ausgebildete Pädagoge das Lernpodium um die Tagesschule, in die er seither seine ganze Arbeit steckt. Seine Schwester Simone Koemeter leitet seit 24 Jahren die Sprachschule und die Administration.
Im Juli steht das Jubiläumsfest an, bei dem die Schülerinnen und Schüler tatkräftig mithelfen. Bei anderen Anlässen seien die Eltern sehr engagiert: «Väter, die gut Ski fahren, kommen als Skilehrer ins Lager mit, und im letzten Lager hat zum Beispiel eine Badener Ärztin gekocht.»

Begeisterung wecken
Inzwischen geht es gegen Mittag, im dritten Stock riecht es nach Essen, Geschirrklappern ist zu hören. Viermal wöchentlich wird im Lernpodium gemeinsam gegessen. «Es sind immer drei bis vier Lehrpersonen mit am Tisch», sagt der Schulleiter. Ein Schüler biegt um die Ecke, sagt: «Ich habe Sie gesucht!», und drückt Koemeter eine Zusammenfassung in die Hand, die er noch schuldig geblieben war. Auch hier wird wieder der vertraute, direkte Umgang spürbar.
«Viele Kinder sind extrem lebhaft, das motiviert mich jeden Tag», sagt Thomas Koemeter. «Selbst wenn ich sie für das Fach Räume, Zeiten, Gesellschaften nicht wirklich begeistern kann», fügt der Geschichtslehrer lachend an. Die Energie seiner Zöglinge scheint auf ihn abzufärben. Er denke noch lang nicht ans Aufhören, sagt der 67-Jährige. «Ich freue mich darauf, die Schulleitung abzugeben, aber im Unterrichten bin ich nach wie vor voll daheim.»