Vom Aargau bis ans Ende Europas

Auf ihrem Bike fährt Anna Canzani seit mehreren Wochen allein durch Europa und zeigt, wie weit Entschlossenheit und Abenteuerlust tragen.
Anfang Mai hat sich die 26-jährige Anna Canzani auf den Weg gemacht. Allein, mit einem Gravelbike, einem Zelt und einer beeindruckenden Portion Willenskraft. (Bild: zVg)

Untersiggenthal – Seit Anfang Mai ist Anna Canzani unterwegs. Allein, mit einem Gravelbike, einem Zelt und einer beeindruckenden Portion Willenskraft. Die 26-jährige Untersiggenthalerin hat sich ein Ziel gesetzt, das für viele ein Traum bleibt: das Nordkap, der nördlichste Punkt Europas, wo die Sonne im Sommer nicht untergeht und die Landschaft in ihrer kargen Schönheit fast unwirklich wirkt.
Die Motivation für dieses Abenteuer ist tief verankert. «Ich habe die letzten beiden Sommerferien immer mit dem Velo verbracht», erzählt Anna Canzani. «Das waren kürzere Reisen. Aber irgendwann konnte ich mir gar nicht mehr vorstellen, anders unterwegs zu sein.» Als Sekundarlehrerin gönnt sie sich nun ein Zwischenjahrprojekt. Den Winter verbrachte sie als Skilehrerin. Vorbereitet auf dieses Abenteuer hat sie sich kaum. «Ich habe zu Hause nicht einmal im Garten im Zelt übernachtet», sagt sie lachend. Unterwegs merkte sie dann aber, dass Schlafsack und Liegematte in die Jahre gekommen waren. Also kaufte sie kurzerhand beide Sachen neu.

Zufälle und Begegnungen
Dass es ausgerechnet das Nordkap wurde, war eher Zufall. «Ich habe von der Eurovelo-Route 11 gehört und wollte sie mit ein paar Anpassungen einfach radeln.» Ihre Route führte sie via Deutschland, Österreich, Tschechien und Polen weiter durch die baltischen Staaten. Länder, die sie bewusst abseits der grossen Touristenströme erleben wollte. «Ich wollte Orte sehen, die man nicht automatisch präsent hat. Und ich wollte mich überraschen lassen – von Landschaften, Begegnungen und von mir selbst.»
Die Überraschungen blieben nicht aus: In Polen wurde ihr eine Übernachtung bei einem nur polnisch sprechenden Priester organisiert, und in Lettland landete sie auf der ­Suche nach einem Schlafplatz versehentlich auf einem Privatgrundstück und wurde mit Tee, einem Bett und Frühstück verwöhnt. In Estland lernte sie Linda aus Deutschland ­kennen, mit der sie zwei Tage ge­meinsam unterwegs war. «Die Gastfreundschaft ist unglaublich. Ich bin allein unterwegs, aber eigentlich nie allein.»

Gut ausgerüstet für die Reise: Anna Canzani. (Bild: zVg)

3471 Kilometer und keine ­einzige Panne
Mitte Juni, beim Interviewtermin, ist Anna Canzani gerade in Finnland unterwegs, im strömenden Regen. Sie radelt, trägt Ohrstöpsel, wirkt aber hellwach, zufrieden und beantwortet, leicht keuchend, alle Fragen. Bis jetzt hat sie 3471 Kilometer zurückgelegt und 16 847 Höhenmeter überwunden, hinter ihr liegen 32 Velotage. An sechs Tagen hat sie eine Pause eingelegt und fünf Hauptstädte besucht. Und eine Velopanne hat es bis jetzt nicht gegeben.
«Die grösste Challenge war bisher der Gegenwind», sagt sie. Aber es gibt auch gute Phasen, wie an jenem Tag in Litauen entlang wunderschöner Seen, als sie enorm viel Energie verspürte und satte 220 Kilometer in zehn Stunden am Stück durchfuhr. «Das Coolste an meiner Reise ist, am Morgen loszufahren und nicht zu wissen, wo ich abends übernachte.»
In Estland bereitete sie sich auf die Fähre nach Helsinki vor und damit auf den wohl naturverbundensten Teil ihrer Reise: Finnland von Süden nach Norden zu durchqueren. «Ich glaube, die Mücken haben mich schon erwartet», sagt sie lachend. «Aber das gehört dazu. Ich nehme es sportlich.» Heimweh kennt sie nicht. «Ich bin ja auf Instagram mit meinen Lieblingsmenschen verbunden und kann jederzeit telefonieren.» Anna Canzani geniesst das Alleinsein.
«Ich kann es mir gar nicht mehr vorstellen, mit jemandem unterwegs zu sein. So habe ich meinen eigenen Rhythmus und mein eigenes Tempo.» Sie übernachtet bei Privatpersonen, auf Campingplätzen, in kleinen Holzhütten oder im Zelt mitten in der Natur. Das Einzige, was ihr etwas Bauchweh macht, sind die wilden Tiere.

Einfache Speisen, grosse ­Freiheit
Auch die Verpflegung unterwegs sei erstaunlich unkompliziert. «Es gibt genug Einkaufsmöglichkeiten.» Ihr Menüplan: Zum Frühstück gibt es Nüsse oder Äpfel. Das Mittagessen besteht aus Gemüse, Brot, Tofu oder Hüttenkäse. Nachmittags bestellt sie oft Kuchen, und zum Znacht wird dank dem Gaskocher immer warm ­gegessen.
Dass eine junge Frau allein durch halb Europa radelt, sorgt oft für Staunen. Für Anna Canzani ist es mehr als eine sportliche Leistung: «Ich möchte zeigen, was Frauen alles allein schaffen. Manchmal braucht es nur den ­ersten Tritt in die Pedale.» Gefährliche Situationen habe sie jedenfalls bis anhin keine erlebt. Die Untersiggen­thalerin fotografiert viel und schreibt Tagebuch.
Auf Instagram dokumentiert sie ihre Reise mit wunderschönen Bildern, ehrlichen Texten und Momenten, die zeigen, wie viel Mut, Leichtigkeit und Lebensfreude in diesem Abenteuer stecken. Sie möchte mit ihrer Reise andere inspirieren, selbst wieder mehr draussen zu sein, mehr zu wagen, mehr zu erleben. Gibt es ein Buch oder gar eine Vortragstour, wenn sie wieder zurück ist? «Nein, das gibt es nicht.» Wenn alles gut läuft, erreicht Anna Canzani das Nordkap in Kürze. Und dann? «Dann fahre ich wieder zurück Richtung Schweiz. Diesmal via Norwegen.»
Inzwischen hat Anna Canzani das Nordkap erreicht – viel schneller als gedacht, wie sie schreibt, und immer noch «mega motiviert zum Witerfahre».