«Die Schule ist ein Abbild der Gesellschaft» 

Am ersten Tag als Pensionär wandte sich Schulleiter Bruno Glettig in seiner 1.-August-Rede mit klaren Aussagen an die Bevölkerung.
Gehaltvolle 1.-August-Feier mit Festredner Bruno Glettig. (Bild: pg)

Obersiggenthal – Wie gewohnt wurde auch der 735. Geburtstag der Schweiz in Obersiggenthal mit einem umfassenden Programm gebührend gefeiert. So waren die Tische unter den Sonnenschirmen auf dem Gemeindehausplatz bereits gut besetzt, als der Feuerwehrverein um 8.30 Uhr den reichhaltigen Brunch eröffnete. Umrahmt wurde der offizielle Teil durch die flott aufspielende MusiG Obersiggenthal.
In ihrer Begrüssung dankte Frau Gemeindeammann Bettina Lutz Güttler den beteiligten Vereinen, den Mitarbeitenden der Werke sowie der Verwaltung für die Ausrichtung der Feier. Erfreut zeigte sie sich auch darüber, dass der gesamte Gemeinderat der Feier beiwohnte. Nachdem der Einwohnerrat vom Rechenschaftsbericht 2025 Kenntnis genommen hat, ist dieser auch auf der Website der Gemeinde einsehbar.

Bettina Lutz Güttler ermunterte die Bevölkerung, sich davon zu überzeugen, wie viele Mitbürgerinnen und Mitbürger sich in zahlreichen Kommissionen und Institutionen um das Wohl der Gemeinde in vielfältiger Weise einsetzen. «Nun freut es mich ausserordentlich, ihnen Bruno Glettig als Festredner anzukündigen. Bruno Glettig hat in den vergangenen elf Jahren als engagierter Gesamtschulleiter an der Schule Obersiggenthal gewirkt und Akzente gesetzt. Wir freuen uns, dass er unsere Einladung angenommen hat.»

Frau Gemeindeammann Bettina Lutz Güttler. (Bild: pg)

Der Heimat verbunden
Obwohl die Behörde mit seiner Verpflichtung als Festredner am ersten Tag seiner Pensionierung ein gewisses Risiko eingegangen sei, bedankte er sich für die Gelegenheit, seine Gedanken an die Bevölkerung zu richten. «Der 1. August bedeutet für mich und vermutlich auch für Sie Heimat, und so bleibe ich mit Obersiggenthal nicht nur wegen der Zeit als Schulleiter verbunden, zumal ich hier aufgewachsen bin. Ich erinnere mich an die Zeiten, in welchen wir die Erwachsenen mit ‹Frauenfürzen› – ein Produktname, der nur noch in der Schweiz und in Süddeutschland in Sortimentslisten auftaucht –, geärgert haben», so Glettig. Er vermute auch, dass er durch das Tessiner Pilz-Risotto, mit welchem die Festgemeinde damals auf dem Schulareal Unterboden verköstigt wurde, traumatisiert wurde.
«Später habe ich die Nachbarn mit einer Europafahne, die auch für Migration steht, provoziert. Ich wollte beides sein, Schweizer und Europäer oder gleich Weltbürger. Als Festredner müsste ich um dieses Thema wohl einen Bogen machen, aber ich kann es nicht lassen. Die damals gebildete Ukraine-Klasse sehe ich als Teil unserer Verantwortung den Menschen gegenüber, welche das Privileg einer guten Bildung nicht haben. Damit können wir etwas zurückgeben. Die Schule ist ein Abbild der Gesellschaft, und so ist die Schule mit den gleichen Problemen behaftet», so Glettig weiter.

Wir müssen uns an der Nase nehmen
An drei Beispielen zeigte der Redner die aktuellen Probleme der Schule auf. So sind Eltern immer häufiger mit den Übertrittsentscheiden der Schule nicht einverstanden und reichen Beschwerde ein. Um sich abzusichern, dokumentieren die Lehrpersonen jede Beobachtung, das Verhalten, jeden Entscheid und jede Prüfung. Dies führt zu deutlich zunehmendem Aufwand, was sich auf die fehlende Zeit für die Vor- und-Nachbehandlung des Unterrichts auswirkt.
Obwohl in den vergangenen Jahren nicht genügend qualifizierte Personen zur Verfügung standen, wurden durch den Kanton stets neue Vorgaben erlassen, um die Unterrichtsqualität hochzuhalten. Dadurch konnten Stellen mangels Alternativen nicht besetzt werden, was sich auf den Unterricht ausgewirkt hat. Und obwohl Schulhäuser nicht erhöht brandgefährdet sind, wurden nach dem tragischen Ereignis in Crans-Montana die Brandschutzbestimmungen geändert, was zu weiteren Investitionen führt.
Glettig zeigte sich überzeugt, dass die Verwaltungen durch die Zunahme von Gesetzen und Verordnungen auf allen drei staatlichen Ebenen immer mehr zunehmen. Gesetze werden von Politikern gemacht, nicht von Beamten. Er schlug vor, ein Gesetz einzuführen, welches die Einführung von weiteren Gesetzen und Verordnungen nur erlaubt, wenn gleichzeitig eine andere Regelung abgebaut wird. «Die Politiker machen auch nur das, was die Gesellschaft von ihnen erwartet. Wir Stimmbürger müssen uns an der Nase nehmen», so sein Schlusswort.
Verdienter Applaus, Dankesworte von Frau Gemeindeammann sowie ein Präsent waren ihm für die Gedanken zum 1. August sicher.