Brugg – «S tropft nicht mehr vom Eisidach, s hängt ein Eishorn dran. S wächst, schnell zwar nicht, doch unaufhörlich – s wird kälter.» Anfang Februar wurde der Verfasser dieses Artikels mit den eisigen Eingangszeilen zur Teilnahme am Schreibkiosk angefragt. Im März ging es dann schon los. Bis im Juni trafen wir uns monatlich im erst sehr kalten, am Schluss viel zu heissen Stadtkiosk in Brugg/Windisch. Unter der Federführung der Windischer Autorin Karin Rey wurde geschrieben, geteilt, überarbeitet und arrangiert, bis die Texte für die Pingpong-Lesung im Rahmen der Brugger Literaturtage 2026 entstanden.
Das «Ping» bilden die acht eingeladenen Autorinnen und Autoren Silvio Blatter, Julia Weber, Levin Westermann, Urs Augstburger, Mascha Unterlehberg, Sarah Elena Müller, Jehona Kicaj und Béla Rothenbühler. Sie werden mit ihren neuesten oder, wie bei Urs Augstburger, neu aufgelegten Werken anwesend sein. Das Gegenstück, hier eher die Ergänzung zu ihnen, eben das «Pong», sind zehn Freizeitschreiberlinge, alle aus Brugg und Windisch. Sie haben sich mittels Schreibübungen in jedes der Werke eingedacht, sich in ein ausgewähltes Buch eingelesen und zu Aspekten desselben eigene Texte ersonnen. Diese sollen nun im Dialog mit Ausschnitten aus den Werken der geladenen Autorinnen und Autoren die Pingpong-Kurzlesungen bilden.
Knacken, wüten, verwandeln …
Die Kursleiterin erdachte für jeden der Schreibabende, an denen sie zwei bis drei Werke vorstellte, eigens abgestimmte Übungen. Zum Beispiel geht es im Buch «ë» von Jehona Kicaj um Geräusche wie das Knacken und das Knirschen. Bei Mascha Unterlehbergs Roman «Wenn wir lächeln» ist es die blanke Wut.
Nun ging es darum, sich in kurzen Texten zu beiden Themen an persönlich Essenzielles zu erinnern, was beispielsweise Folgendes hervorrief: «Wut hat scharfe Kanten, an denen man sich die Finger blutig kratzt. Sie riecht nach Desinfektionsmittel, ein brennender und beissender Geruch und gleichzeitig verlockend» – geschrieben von Luisa Romina Fehlmann. In Julia Webers Roman «Weil ich Ruth bin» kann die Hauptprotagonistin durch Küsse Menschen in Tiere verwandeln. Im Schreibkiosk verwandelten sich die Teilnehmenden kurzerhand schreibend in mehr oder weniger exotische Brugger Stadttiere und entdeckten das Vertraute aus ganz neuer Perspektive: «Ich wetze um die Ecke, unter dem Rundbogen zur Stadtkirche durch und die Treppen hinunter in den Spitalrain. Oh! Ein prall gefüllter Müllsack! Ich beisse in dessen Seite, reisse mit den Zähnen so lange am Plastik, bis sich ein grosses Stück löst. Welch paradiesischer Anblick: Eierschalen, ein angebissener Apfel, Rüeblireste, ein Wurstzipfel, dieser Duft! Alles meins!» – von Katja Seifried.
In Béla Rothenbühlers «Polifon Pervers», einem Spoken-Word-Roman in «Lozärner Mondart», spielt der Autor mit dialektal umgeschriebenen Anglizismen wie beispielsweise «Google-Dräiv». Hier galt es, eigene Definitionen für solche Begriffe zu finden: «Google-Dräiv isch de Ort, wo mer alli Sache cha drufschmeisse, wo de Desktop zuemüllet, dass sech gfälligscht anderi Lüüt selle drum kümmere!» – erläutert Johanna Ruoff.
«Holt mich!»
Levin Westermanns Debütroman «Zugunruhe» beschreibt die Zerfallsgeschichte einer ausser Rand und Band geratenen Welt. Karin Reys Aufgabe war, aus einem Buchausschnitt nur das Allernötigste herauszuklauben und danach mit einsilbigen Worten dessen Stimmung wiederzugeben, was dann so klang: «Weit und breit Wald. Ein Mann war und stand, weil Raum schwieg … bis laut kommt: Holt mich! Holt mich! Angst in der Luft lag», schrieb Regine Müller. Oder auch: «Die Angst lag in der Luft. Der Gau auf der Aue still und leis. Der Krieg so kalt», so Agnes Hodel.
Um Sucht geht es im Roman «Unwucht» von Sarah Elena Müller. Mit Sucht befassten sich folglich auch die Teilnehmenden am Schreibkiosk und ergründeten poetisierend: «Wer immer dasselbe sucht, kann süchtig werden. Eine Sucht versucht wohl, innere Leere zu füllen. Sucht, ein Kompensationsversuch für vieles» – so Bernadette Sennrich.
Wer das Paradies sucht, greift vielleicht dereinst zum neuen Roman noch unbekannten Titels von Urs Augstburger. Karin Rey fragte: «Was benötigt euer Paradies?» Eine Antwort war: «Wir brauchen kein Visum, um in unser Paradies zu gelangen», schrieben Regine Müller und Johanna Ruoff. Um Nähe und Distanz, menschliche Existenz und Endlichkeit kreisen wiederum die zwölf Erzählungen der Sammlung «Für die Vögel» von Silvio Blatter. Mit einem Aspekt derselben, der Kälte und des Immer-noch-kälter-Werdens befasste sich die Schreibgruppe, was angesichts der wärmer werdenden Maitage eine recht starke Vorstellungskraft bedingte.
Ein Besuch in der Werkstatt
Ende Juni, am letzten Kursabend, stattete uns der Brugger Autor Urs Augstburger einen Werkstattbesuch ab. Das zwar im Odeon-Garten, weil es im Schreibkiosk schlicht zu heiss war. Dort packte er mitten im smoothen Fussball-WM-Vorrunden-Flat-Screen-Feeling einiges aus, was er an Dingen unbedingt benötigt, um eine adäquate Schreibstimmung zu erlangen: ein schön gebundenes Notizheft, einen edlen Füller und eine eigenhändig gemischte Tintenfarbe, für jeden Text extra ausgewählt, genau wie eine Musik, die er sich immer wieder anhöre, bis der Text entsprungen sei.
Aber ganz am Anfang, und das war nun die kleine Übung unter Urs Augstburger und die letzte im gesamten Kurs für die Schreibjüngerinnen und Schreibjünger, da schreibe man einen möglichst genialen ersten Satz, szenisch, geheimnisvoll, irritierend gar, der, und das sei zu hoffen, als Buchöffner diene und die Leserin und den Leser sogleich in seinen Bann zu ziehen vermöge.
Sonntag, 20. September, 10 bis 12 Uhr
Salzhaus, Brugg
brugger-literaturtage.ch