Viel mehr als Geschichtenvorleser

Oma und Opa heute: fit, aktiv und unverzichtbar. Ein Gespräch mit Geraldine Capaul, Chefredaktorin des Badener Magazins «Grosseltern».
Geraldine Capaul vor der Redaktion in der Badener Altstadt. (Bild: mk)

Baden – Geraldine Capaul, warum wurde das Magazin «Grosseltern» lanciert?
Unser Verleger Dominik Achermann bekam in einer Weiterbildung die Aufgabe gestellt, ein fiktives Magazin zu lancieren. Dominik Achermann wurde in jener Zeit Vater und sah den Stolz und die Freude seiner Eltern und Schwiegereltern. Also entwarf er ein Konzept mit der Zielgruppe Grosseltern, das er 2014 tatsächlich umsetzte. Das Magazin möchte Grosseltern in ihrer Rolle unterstützen, soll aber auch generationenverbindenden Charakter haben.

Welche Artikel oder Themen rufen am meisten Resonanz hervor?
Die emotionalen. Ein Dauerbrenner ist das Thema Kontaktabbruch: wenn erwachsene Kinder die Beziehung zu ihren Eltern abbrechen und damit ebenfalls den Kontakt zu den Enkeln unterbinden. Wir hatten schon mehrere Artikel dazu, das Interesse war jedes Mal sehr gross.
Auch die Rubrik «Meine Grosseltern», in der sich Schweizer Prominente an das Verhältnis zu ihnen erinnern, wird gern gelesen. Grosseltern haben oft grossen Einfluss auf die Biografie, das zeigt sich in diesen Geschichten. Ausserdem erzeugen Berichte über Sternenkinder, also früh verstorbene Babys, viel Resonanz. Und solche, in denen es um Konfliktsituationen geht: wenn der zweijährige Enkel tobt oder ein älterer dauernd am Handy ist.

Wie hat sich die Rolle der ­Grosseltern gewandelt?
So fit, aktiv und engagiert wie jetzt waren Grosseltern noch nie. Aber nicht alle lassen zwingend alles stehen und liegen für ihre Enkelkinder, weil sie zahlreiche eigene Interessen haben. Gewandelt haben sich zudem die Aktivitäten: Waren sie früher eher die Geschichtenvorleser, unternehmen sie heute mehr mit den Enkelkindern, weil sie selbst noch mobiler sind. In vielen Familien ginge es gar nicht mehr ohne die Unterstützung der Grosseltern.

Enkelhüten ist sinnstiftend, laut Studien bleiben betreuende Grosseltern länger geistig fit. Zwischen Eltern und Grosseltern entstehen durch die Nähe aber auch Konflikte. Welche?
Konflikte entstehen bei der Erziehung, wenn sich Eltern und Grosseltern nicht einig sind, wobei die Hoheit grundsätzlich bei den Eltern liegt. Allerdings muss man nicht alles genau gleich machen, denn die Kinder lernen früh, dass bei den Grosseltern andere Regeln gelten. Sei es nun, dass diese mehr erlauben – oder aber strenger sind, auch das gibt es natürlich.
Oft geht es aber um enttäuschte Hoffnungen. Ein reales Beispiel: Eine Grossmutter ist nach der Geburt der Enkelin drei Wochen lang traurig, weil ihre Tochter sie nicht zum Hüten anfragt. Die Tochter denkt jedoch, das noch berufstätige Grosi habe gar keine Ressourcen dafür. Deshalb ist es wichtig, dass man stets miteinander redet und Erwartungen und Bedürfnisse klärt.

Betreuende Grosseltern sind ein wirtschaftlicher Faktor. Laut Erziehungswissenschaftlerin Margrit Stamm erbringen fast 60 Prozent der Grosseltern regelmässig Betreuungsarbeit.
Sie leisten in der Schweiz jährlich 160 Millionen Betreuungsstunden, was einem Wert von rund 8 Milliarden Franken entspricht. Während Corona zeigte sich sehr deutlich, dass Familien an den Anschlag kommen, wenn die Grosseltern nicht mehr betreuen dürfen. Das hat unter anderem damit zu tun, dass die Kitas in der Schweiz deutlich teurer sind als in anderen europäischen Ländern, der Elternurlaub ist viel kürzer, und besonders im ländlichen Raum mangelt es an ausserfamiliären Betreuungsangeboten. Die nordischen Staaten sind hier weiter: Die Kitas sind sehr günstig, jedes Kind hat Anspruch auf einen Platz, oft arbeiten beide Elternteile Vollzeit. Auch in Skandinavien kümmern sich Grosseltern um ihre Enkel, aber mit mehr Gestaltungsspielraum, weil die Grundbetreuung bereits gesichert ist.
Laut einer Umfrage des Generationenhauses Bern aus dem Jahr 2023 wünschen sich übrigens 65 Prozent der Befragten, dass diese Arbeit in der Schweiz entgolten wird, etwa via AHV-Betreuungsgutschriften, Steuererleichterungen oder finanzielle Beiträge. Man darf nicht vergessen: Es gibt berufstätige Grossmütter, die für die Enkelbetreuung ihr Arbeitspensum reduzieren.

Welches Verhältnis hatten Sie zu Ihren Grosseltern?
Zu beiden Seiten ein warmes. Sie haben mein Lieblingsessen rauf und runter gekocht. Vor allem zu den Grossmüttern war die Beziehung innig und liebevoll. Sie waren sehr präsent in meinem Leben. Meine Kinder haben nun ein noch engeres Verhältnis zu meiner Mutter, denn sie übernahm seit der Geburt fixe Betreuungstage. Noch heute kocht sie jeden zweiten Dienstag über Mittag und schaut den Kindern nach der Schule.

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