Als ganz Europa nach Baden blickte

Die Badener Disputation 1526 fand weit über die Grenzen der damaligen Eidgenossenschaft hinweg Beachtung. Nun wird des Ereignisses gedacht.
Die Verantwortlichen für die Gedenkfeier zu 500 Jahren Disputation. (Bild: sim)

Baden – Längst läuft das Rahmenprogramm zur Gedenkfeier anlässlich 500 Jahre Badener Disputation. Die zahlreichen Veranstaltungen sollen Impulse geben für einen respektvollen Austausch in Zeiten von Polarisierung und globalen Krisen. Das war auch für alt Bundesrätin Doris Leuthard der Grund, sich im Schirmgremium für das Projekt zu engagieren: «Ich erhoffe mir davon, dass wir wieder mehr darüber nachdenken und sprechen, wie friedliche Konfliktlösung gelingen kann.»
Bereits fanden etwa zwei Dutzend Gespräche, Vorträge, Aufführungen und Ausstellungen statt, und langsam nähern sich die Feierlichkeiten ihrem Höhepunkt. In den kommenden Wochen bis Ende Mai sind zahlreiche weitere Veranstaltungen geplant, die am Sonntag, 31. Mai, in einem offiziellen Festakt gipfeln. Dieser beginnt um 10 Uhr mit einem Festumzug durch die Innenstadt zur Stadtkirche, wo ein ökumenischer Festgottesdienst mit Pfarrerin Rita Famos, Präsidentin der evangelisch-reformierten Kirche Schweiz, und Bischof Felix Gmür abgehalten wird. Um 11.45 Uhr folgt der eigent­liche Festakt im Beisein von Bundespräsident Guy ­Parmelin und mit einer Ansprache von Doris Leuthard.

Doris Leuthard betone anlässlich eines Medientermins in Baden die Bedeutung der ökumenischen Zusammenarbeit und plädierte dafür, Konflikte vermehrt mit Worten statt mit Gewalt zu lösen. (Bild: sim)

Livedebatte in der Burghalde
Am Tag davor, dem 30. Mai, kommt Friedensnobelpreisträgerin Tawakkol Karman aus Jemen nach Baden. Zusammen mit elf weiteren Persönlichkeiten nimmt sie an einer Art Friedensverhandlung teil. Beim Liveformat «Voll auf die 12» versuchen die Teilnehmenden vor den Augen des ­Publikums, sich innerhalb von 90 Minuten einig darüber zu werden, wie eine typische Frage unserer Zeit gelöst werden könnte. Neben Tawakkol Karman stellen sich mitunter Nora Kronig, Direktorin des Schweizerischen Roten Kreuzes, Georg Matter, Leiter der Abteilung Kultur des Kantons Aargau, und Tamara Funiciello, Nationalrätin und Co-Präsidentin der SP Frauen Schweiz, dieser Aufgabe. Ebenfalls mit von der Partie ist der mexikanische Schauspieler und Oxfam-Botschafter Gael García Bernal. Angegangen wird die Frage: «Frieden statt Krieg(e) – was braucht es für nachhaltigen Frieden?» Die Veranstaltung findet um 9.30 Uhr in der Mensa der Schule Burghalde statt. Tickets sind unter eventfrog.ch erhältlich. Die Journalistin, Politikerin und Menschenrechtsaktivistin Tawakkol Karman wird bereits am Vorabend im Theater im Kornhaus über ihre Arbeit und ihr Leben sprechen.
Bis es so weit ist, steht aber noch Weiteres auf dem Programm. Die nächste Veranstaltung, ein Gespräch mit Hans Strub, Mitglied der Leitung des Projekts Disput(N)ation, und Heiner Hug, dem Journalisten und Gründer des Schweizer Onlinemagazins «Journal 21», ­findet schon am Freitag, 24. April, um 18.30 Uhr in der Sebastianskapelle in Baden statt.
Am nächsten Dienstag, 28. April, unterhält sich Hans Strub im gleichen Rahmen mit SVP-Regierungsrätin Martina Bircher. Diskutiert wird ­jeweils über die Leitthemen der ­Gedenkfeierlichkeiten zu 500 Jahre Badener Disputation: Frieden und Hoffnung, Zukunft und Liebe. Nur drei Tage später, am 1. Mai, spricht alt Bundesrat Moritz Leuenberger im Rahmen der «Disputalks» in der Badener Fassbar zum Thema «Politische Herausforderungen – gestern, heute, morgen». Der Zürcher SP-Politiker gehörte dem Bundesrat von 1995 bis 2010 an. Er stand dem Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation vor. Tickets für die Veranstaltung sind auf eventfrog.ch erhältlich.

Die Badener Disputation: Darstellung in der Reformationschronik von Heinrich Bullinger (1504–1575) im Kopienband von 1605/1606. (Bild: zVg)

Ein Hoch auf die Meinungsfreiheit
Anlässlich der Badener Disputation vor 500 Jahren wurden in der Bäderstadt religiöse und gesellschaftliche Wertvorstellungen verhandelt, wenn auch unter unfairen Bedingungen, da die Vertreter des alten Glaubens klar im Vorteil waren. Anstatt einer ergebnisoffenen Debatte war die Badener Disputation vielmehr ein Versuch der damals noch mehrheitlich altgläubigen schweizerischen Orte, den Lehren des Zürcher Reformators Huldrych Zwingli entgegenzutreten und die Glaubenseinheit der Eidgenossenschaft zu bewahren, was allerdings gründlich misslang. Ein frühes Beispiel dafür, wie wichtig Meinungs- und Pressefreiheit für eine funktionierende öffentliche Debattenkultur sind.
Genau hier setzt die Satireplattform Bissfest mit ihrem Beitrag zu den Gedenkfeierlichkeiten in Baden an. Mit einer Plakatausstellung in der Badstrasse werden die gesellschaft­lichen Gefahren beleuchtet, die mit dem Verlust von Presse- und Meinungsfreiheit einhergehen. Was auf dem Spiel steht, zeigen 40 Plakatwände, gestaltet von renommierten Karikaturistinnen und Karikaturisten aus dem deutschsprachigen Raum. Die Ausstellung ist vom 2. bis zum 17. Mai zu sehen. Am Sonntag, 3. Mai, wird sie offiziell eingeweiht. Um 11 Uhr findet in der Badstrasse ein von Monika Schärer moderiertes Gespräch mit Lisa Christ und Sandro Brotz über die Welt zwischen Disputen und Despoten, Fakten und Fakes statt. Anschliessend tritt der Poetry-Slam-Europameister Valerio Moser auf.

Wissenswertes für unterwegs
Weiter werden zum Gedenken an die Badener Disputation verschiedenste Aspekte der ungewöhnlich gut dokumentierten historischen Vorgänge beleuchtet. Geheime Vorgänge, Einflussnahmen und unterhaltsame Details der Disputation sind beispielsweise auf dem Stadtspaziergang «Spott und Disput» zu finden. Kuratiert von der Historikerin Ruth Wiederkehr, geben ab dem 2. Mai insgesamt zehn Informationsstelen auf dem Kurplatz, im Kurpark, bei der reformierten Kirche, auf dem Theaterplatz, dem Schlossbergplatz, beim Stadthaus und bei der Stadtkirche Auskunft. Dort bleiben sie bis zum 28. Juni.
Ebenfalls vom 2. Mai bis zum 28. Juni sind in Baden erstmals Originale der Protokolle und weitere Quellen zu den Ereignissen rund um die Badener Disputation zu sehen. Aus­gestellt werden sie im Kirchenschatzmuseum in der Stadtkirche Baden, wo sich die fraglichen Ereignisse zugetragen haben. Zu besichtigen ist auch ein Zeitzeugnis, in dem nachzulesen ist, dass der Disput der eidgenössischen Gesandten auch ausserhalb der Kirche fortgeführt wurde, etwa bei der gemeinsamen Entspannung in den Bädern. Die Vernissage der Ausstellung findet am 2. Mai um 17 Uhr im Tagsatzungssaal in Baden statt.
All das stellt indes nur eine kleine Auswahl der über 40 Einzelveranstaltungen dar, die im Rahmen der Gedenkfeierlichkeiten bis Ende Mai in Baden und der Region geplant sind. Das gesamte Programm zum Gedenken an die Badener Disputation, die so lang zurückliegt und doch bis heute nachwirkt, ist unter ­disputnation.ch zu finden.