Allein auf der Bühne

Wie denkt und fühlt ein Mensch, der an einer bipolaren Störung leidet? Thomas Melle beschreibt es in seinem Buch «Die Welt im Rücken».
Johann Jürgens trägt auf der Bühne die ungeteilte Verantwortung. (Bild: Tanja Dorendorf)

Baden – Der Autor Thomas Melle stellt sich in «Die Welt im Rücken» seiner eigenen Krankheit. Das Kurtheater Baden hat daraus einen Monolog erstellt und ­Johann Jürgens mit der Umsetzung betraut – ein schauspielerischer Kraftakt.
«Johann Jürgens lebt in Berlin», heisst es bei Wikipedia lapidar. Falsch. Der in Neubrandenburg geborene Schauspieler (1985) lebt in der Schweiz – und «das sehr gern», wie er betont. Dazu gehört, dass er den Gast auf Schweizerdeutsch begrüsst – eine schöne Überraschung. Und schon sind wir im Gespräch über die jüngste Eigenproduktion des Kurtheaters, die – analog etwa zum «Kurgast» oder zu «Prima Facie» – bestimmt künftig im Spielplan der Badener Bühne auftauchen wird.
Der etwas über eine Stunde dauernde Monolog (Fassung: Uwe Heinrichs, künstlerischer Direktor, und Johanna Böckli, Regisseurin) schildert eine extreme psychische Krankheit, mit der Thomas Melle seit Langem lebt und die auch Künstler wie Robert Schumann oder Virginia Woolf heimgesucht hat. Kurz: «Die Welt im Rücken» ist harte Kost für den Schauspieler und das Publikum.
Es gilt, ein zerrissenes, autobiografisch radikales, wenngleich mitunter komisch-absurdes Leben zu spielen, dem keiner, der im kleinen Proberaum im fünften Stock des Kur­theaters sitzt, entrinnen kann. «In diesem Monolog», so Johann Jürgens, «gibt es verschiedenste Aggregatszustände. Der Text ist rasant, die Situation ist krass. Alles ist derart intensiv, weil Schauspieler und Publikum ganz nah beieinander sind. Deshalb trägt man eine grosse Verantwortung.» Wie sehr der Text unter die Haut geht, bewiesen nicht nur die «Konzentration der Zuschauerinnen und Zuschauer, sondern auch deren Reaktionen».

Ohne Sicherheitsnetz
Johann Jürgens betritt mit dem Monolog «Die Welt im Rücken» kein Neuland. Vor zwei Jahren hat er «König Alkohol» nach dem Buch von Jack London, der selbst Alkoholiker war, am Staatstheater Kassel gespielt: «Ein Riesenmonolog, bei dem mir richtig bewusst wurde: Ich stehe vor vielen Menschen ganz allein auf der Bühne ohne Sicherheitsnetz.» Durch diese Erfahrung gestärkt, hat er nun in der Badener Inszenierung «nach einem ehrlichen Ton gesucht».
Nichts darf sich falsch anhören. Klingen darf nur eines – Musik. Die kommt als Verschnaufpause stets dann ins Spiel, wenn es fast nicht mehr auszuhalten ist. Johann Jürgens setzt sich in einem solchen Moment an den Flügel und spielt bekannte Stücke. Denn Johann Jürgens ist nicht nur Schauspieler, sondern ebenso ein vielseitiger Musiker. Er spielt Klavier, ­Gitarre, Schlagzeug und singt.
Seiner umfassenden Begabung verdankt er es, dass zahlreiche renommierte Theaterhäuser nicht auf ihn verzichten wollen. Johann Jürgens war beispielsweise festes Ensemblemitglied am Maxim-Gorki-Theater Berlin und am Staatstheater Stuttgart. Einige Jahre war er freischaffend tätig, gastierte mitunter am Deutschen Theater Berlin sowie am Schauspielhaus Düsseldorf und Zürich – an Letzterem auch während ­Ulrich Khuons Interimsintendanz.
Heute ist Johann Jürgens freischaffend tätig. «Aber», sagt er, «ich würde gern abermals fest an einem Haus arbeiten.» Dass er zwischen fest und frei wechselt, ist einer Neugier zu verdanken, die unbedingt «Neues aufsaugen will» – gerade auch mit Film- und Fernsehproduktionen.

Innere Ruhe
Erzählt Johann Jürgens von seinem Schauspielstudium in Berlin und seinen vielen Engagements, unterstreicht er, was die Zuschauerin in der Vorstellung gespürt hat: Er sei ein sehr reflektierender, Rollen und Texten empathisch nachspürender Mensch. Apropos: Wie lernt er solche? «Wie soll ich das erklären?», erwidert Johann Jürgens lächelnd. «Ich gehe mit dem Text in der Hand, mache eine Bewegung und dann noch eine und noch eine …» Das Weitere wird in den Proben erarbeitet. Dass er Prosa – «aber keine Verse» – gern beim Staubsaugen lernt, überrascht nur deshalb nicht, weil er sogleich hinzufügt: «Ich lerne Texte selbst dann, wenn es in meiner Umgebung laut ist.»
Keine Frage: Johann Jürgens liebt den «Minikosmos Theater», zugleich aber den Film und das Fernsehen. Ihn fasziniert das «Drumherum, dieses Gewusel. Das ist wie bei einem Zirkus, in dem viele Menschen arbeiten.» Ganz so viele werden es bei der neuen Eigenproduktion des Kurtheaters Baden wohl nicht sein, die im Herbst Premiere hat. Nein, kein Monolog, sondern ein Zweipersonenstück – und das mit der geschätzten Kollegin Anna Grisebach («Prima Facie»), mit der Johann Jürgens nach vielen Jahren wieder auf der Bühne steht.