Wärmeenergie gegen Klimaemissionen

Die KVA Turgi AG ersetzt ihre Verbrennungsöfen. Die neue Anlage soll mehr als dreimal so effizient sein wie die beiden bisherigen zusammen.
Martin Theiler, Philippe Ramseier und Peter Ender vor der KVA in Turgi. (Bild: sim)

Turgi – Fast der gesamte Müll aus der Region landet in einem der zwei Ofenlinien der Kehrichtverwertungsanlage (KVA) Turgi. Genau gesagt liefern mitunter 64 Ostaargauer Gemeinden ihren Kehricht zur Verwertung nach Turgi. Damit die Anlage sich auch künftig um die Abfälle der knapp 250 000 Menschen im Einzugsgebiet kümmern kann, plant die KVA Turgi AG einen Ersatzneubau, mit dem der Betrieb mittelfristig gesichert werden soll. Denn: «Beide bestehenden Anlagen sind inzwischen am Ende ihrer Lebensdauer», wie Philippe Ramseier, Stadtrat in Baden und Präsident des Gemeindeverbands KVA Turgi, erklärt.

Weil die KVA in Turgi nicht auf der grünen Wiese steht, sondern zwischen Limmat und Bahntrasse eingeklemmt ist, ist die Umsetzung dieses Vorhabens jedoch schwierig. Möglich ist sie überhaupt nur deshalb, weil die KVA Turgi erfolgreich zusätzliche Fläche vom Abwasserverband ­Region Baden Wettingen erwerben konnte, der die benachbarte Abwasserreinigungsanlage Laufäcker betreibt. Dank diesem Tausch soll in den kommenden Jahren nördlich des bestehenden KVA-Geländes eine neue Brennerlinie gebaut werden. Kostenpunkt des Vorhabens: voraussichtlich etwa 387 Millionen Franken.

Das entsprechende Bauprojekt muss aber erst noch fertig ausgearbeitet werden. Wegen der beengten Platzverhältnisse vor Ort ist das alles ­andere als eine leichte Aufgabe. «Die Vorgaben für das Planungsteam sind teilweise sehr eng», bekräftigt Martin Theiler, Projektleiter bei der KVA Turgi AG. «Vor allem muss die bestehende Anlage während des Umbaus weiter betrieben werden können.»

Nachfolge aufgegleist
Martin Theiler ist der Nachfolger des langjährigen Geschäftsführers Peter Ender, der das Unternehmen voraussichtlich Ende Juli nach über 35 Jahren, davon 25 als Direktor, verlässt.

Die geplante neue Ofenlinie ist für rund 120 000 Tonnen Kehricht pro Jahr ausgelegt. Genau gleich viel, wie die beiden bestehenden Brenner heute verwerten. «Die Bevölkerung in der Region wird in den nächsten Jahren wachsen. Gleichzeitig dürfte der ­Anteil wiederverwerteter Rohstoffe steigen. Wir gehen deshalb davon aus, dass die Menge an Kehricht in der ­Region etwa gleich bleibt», erläutert Philipp Ramseier das Kalkül hinter den erklärten Absichten. «Das deckt sich auch mit den Erfahrungen aus den vergangenen 20 Jahren», ergänzt Martin Theiler.

Engpässe trotz Effizienz­steigerung

Trotz der gleichbleibenden Menge an Kehricht soll der neue Verbrennungsofen künftig viel mehr Energie liefern als beide bestehenden Brenner zusammen. Statt bisher 80 soll die neue Anlage mindestens 280 Gigawattstunden (GWh) Wärmeenergie liefern. «Mit dem geplanten Neubau wird die KVA Turgi, heute eine der weniger ­effizienten Anlagen ihrer Art, zu einer der effizientesten Anlagen in der Schweiz», so Martin Theiler.

Trotz der massiven Effizienzsteigerung der neuen Anlage wird die gelieferte Energie nicht ausreichen, um den antizipierten Wärmebedarf der grossen drei Wärmenetze der Region zu decken. Neben den bestehenden Bezügerinnen, der Regionalwerke Baden AG und der Fernwärme Siggenthal AG, deren Bedarf in den kommenden Jahren voraussichtlich steigt, will künftig die ­Refuna AG (Regionale Fernwärme unteres Aaretal) Energie aus Turgi beziehen. Insgesamt rechnen die Verantwortlichen der KVA Turgi mittelfristig mit einem Energiebedarf jenseits von 400 GWh, welche die KVA Turgi alleine bei weitem nicht decken kann.

Zentral geregelte Verteilung
Dass diese Ausgangslage durchaus Problempotenzial birgt, ist man sich in Turgi bewusst. Deshalb wurde am 22.  April die KVA Turgi Energie AG neu gegründet. Die neue Gesellschaft gehört zu 100 Prozent der KVA Turgi. Die drei Fernwärmegesellschaften sind deren Kunden und die vier Parteien haben vereinbart, die Energie so zu verteilen, dass das Gesamtinteresse gewahrt bleibt. «Aufgabe der neuen Gesellschaft wird es sein, dafür zu sorgen, dass die produzierte Energie in der Region optimal genutzt werden kann», führt ­Peter Ender aus. Neben der Verteilung der Energie soll innerhalb der KVA Turgi Energie AG partnerschaftlich über Investitionen in neue In­frastruktur entschieden werden. Schliesslich soll die neue Gesellschaft auch Beratungsdienstleistungen anbieten.

Aufgrund der höheren Effizienz der neuen Ofenlinie sowie wegen der voraussichtlich steigenden Nachfrage nach Strom und Wärme aus Turgi ­erwartet die KVA Turgi AG durch die Erneuerung eine Verlagerung ihrer Einnahmequellen. «Wir erlösen heute wesentlich mehr mit den Annahmegebühren für Kehricht als mit dem Verkauf von Energie», sagt Martin Theiler. «Künftig werden wir mit dem Energieverkauf mehr Geld verdienen.»

Läuft alles reibungslos, sollen die Pläne für die neue KVA ab 2028 umgesetzt werden. Mit Beginn des eigentlichen Neubaus wird frühestens ab 2030 gerechnet. Inbetriebnahme der neuen Ofenlinie wäre dann 2033.

Angebot auf Nachfrage ­abstimmen
Wenn das Neubauprojekt abgeschlossen ist, sollen die beiden bestehenden Verbrennungsöfen rückgebaut werden. Dadurch entsteht auf dem Gelände der KVA wieder dringend benötigter Platz. So sind für die KVA in Turgi etwa Energiespeicher angedacht, genauso Mülllager ausserhalb der eigentlichen KVA. Beide sollen dereinst dazu dienen, dass die KVA dann Energie produzieren beziehungsweise in die Netze speisen kann, wenn diese am stärksten nachgefragt wird – also in den Morgenstunden und im Winter. «Gerade der Bauabfall aber fällt natürlich eher im Sommer an», weiss Martin Theiler. «Deshalb ist Abfallspeicherung für alle Kehrichtverwertungs­anlagen ein Thema.» Derweil sind Tagesgang-Wärmespeicher bereits Teil des Projektes KVA 2030 und werden hier bereits mitgeplant und realisiert. Sie sollen kurzfristig Bedarfsspitzen abdecken. Nachts produzierte Energie könnte dann tagsüber die Netze speisen. So will die KVA Turgi fit werden für die Zukunft.