Gemeinsam Spaltungen überwinden

Der Wert von Liebe, Vielfalt und Zusammenarbeit stand im Zentrum des Festakts zur Feier des 500-Jahr-Jubiläums der Badener Disputation.
Badener Disputation, Feier der Toleranz und der Eintracht. Das illustre Feld der Teilnehmenden – darunter Bundespräsident Guy Parmelin, alt Bundesrätin Doris Leuthard, Bischof Felix Gmür, die Präsidentin der evangelisch-reformierten Kirche der Schweiz, Rita Famos – unterstrich die nationale Bedeutung des historischen Events. (Bild: Alex Spichale)

Baden – Am Wochenende fanden die Feierlichkeiten zum 500-Jahr-Jubiläum der ­Badener Disputation ihren krönenden Höhepunkt. Das Jubiläumsjahr, das bereits im Herbst mit verschiedenen Veranstaltungen und den sogenannten Disputalks begonnen hatte, erinnerte an die Badener Disputation im Jahr 1526, die trotz ausbleibender ­unmittelbarer Versöhnung zwischen den Konfessionen langfristig den Weg für die Reformation in der Schweiz ­ebnete und zu einem prägenden Ereignis der Schweizer Religionsgeschichte wurde. Im Zentrum der Jubiläumsfeiern stand deshalb die Idee des Dialogs und des friedlichen Mit­einanders zwischen katholischer und reformierter Kirche.
Der Samstag war als Begegnungs- und Festtag für die Bevölkerung gestaltet. Zahlreiche Angebote und ­Attraktionen lockten Besucherinnen und Besucher in die Stadt. Ein Höhepunkt war die Veranstaltung «Voll auf die 12», bei der zwölf Personen gemeinsam der Frage nachgingen, welche Voraussetzungen für einen nachhaltigen Frieden notwendig sind (mehr dazu). Am Nachmittag wurde mit einer besonderen Aktion an die historischen Ereignisse von 1526 erinnert: Als Hühnerhändler verkleidete Boten ­zogen durch die Innenstadt und spielten auf die legendäre Übermittlung von Nachrichten Ulrich Zwinglis nach Baden an. Zwingli, dem die Teilnahme an der Badener Disputation wegen Sicherheitsbedenken verboten wurde, liess seine Antworten auf die Debatte des Vortages von einem Getreuen nach Baden bringen, der sich dafür als Hühnerhändler tarnte. Damit wurde die Geschichte der Disputation auf anschauliche Weise für die Gegenwart erlebbar gemacht.

Pfarrer Res Peter und Pfarreiseelsorger Claudio Tomassini (Bildmitte) betonten die Gemeinsamkeiten ihrer Kirchen. (Bild: sim)

Langer Weg der Versöhnung
Der offizielle Höhepunkt der Gedenkfeierlichkeiten folgte am Sonntag mit einem Festumzug durch Baden sowie einem ökumenischen Gottesdienst und einem Festakt in der Stadtkirche. Pünktlich um 10 Uhr setzte sich der Umzug mit rund 300 geladenen Gästen in Bewegung und machte sich auf den Weg von der reformierten Kirche zur katholischen Kirche Baden – an sich bereits ein symbolischer Akt des Einvernehmens. Die Route führte durch die Badener Altstadt zur Stadtkirche und wurde von zahlreichen ­Zuschauerinnen und Zuschauern ­gesäumt. Unter den Teilnehmenden befanden sich Bundespräsident Guy Parmelin, alt Bundesrätin Doris Leuthard, Bischof Felix Gmür vom Bistum Basel, die Präsidentin der evangelisch-reformierten Kirche Schweiz, Rita Famos, Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Kirche und Kantonsregierungen, ehemalige Schweizergardisten sowie Mitglieder von Vereinen, Jugendverbänden und Zünften.
In der Stadtkirche fand anschliessend ein ökumenischer Gottesdienst statt, der die zentrale Botschaft des Jubiläums zum Ausdruck brachte. Sinnbildlich für den Geist der Jubiläumsfeier war die gemeinsame Ansprache zweier Badener Berufskollegen, des katholischen Pfarrers Claudio ­Tomassini und des reformierten Pfarrers Res Peter: Sie beendeten ihre Ausführungen zum Zusammenwachsen der christlichen Konfessionen und zum Überwinden von Gegensätzen und Animositäten mit einer Umarmung. Die Szene symbolisierte die Überwindung historischer Gegensätze und das heutige verbindende Verhältnis der beiden Konfessionen, die sich am selben Ort vor 500 Jahren noch gänzlich unversöhnlich gegenübergestanden hatten. Die Stadtkirche selbst besitzt eine besondere historische Bedeutung, da dort während der Disputation von 1526 eine zweite Kanzel errichtet worden war, was die Spaltung der Konfessionen offensichtlich machte.

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Auftakt für den Gottesdienst und den Festakt der «Disput(N)ation» ist ein festlicher Umzug durch Baden. (Bilder: sim)

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Festakt mit hohem Besuch
Den Abschluss der Feierlichkeiten ­bildete der offizielle Festakt. In seiner Ansprache betonte Bundespräsident Guy Parmelin den Wert des friedlichen Zusammenlebens über religiöse und kulturelle Grenzen hinweg. «Deshalb ist es bedeutsam, dass wir heute hier stehen. Nicht um den Streit zu feiern, sondern die Aussöhnung», so der Bundespräsident. Diese Fähigkeit, Spaltungen zu ertragen und zu überwinden, sind laut Parmelin die Grundlagen für die Schweiz als stabiles und wohlhabendes Land. Genau wie Parmelin, der die Badener Disputation als ein Schlüsselmoment der Schweizer Geschichte bezeichnete, bettete alt Bundesrätin Doris Leuthard das historische Streitgespräch in ihrer Ansprache in einen grösseren Zusammenhang: Damals wie heute habe sich die Welt vor einem tiefgreifenden Umbruch befunden. Nur durch die Be­tonung gemeinsamer Werte und Haltungen könne es gelingen, die De­mokratie und die internationale Rechtsordnung zu bewahren.
Kultureller Höhepunkt des Festakts war die Uraufführung des «Friedenslieds aus Baden», dessen Musik vom Kirchenmusiker Jens Hoffmann komponiert wurde. Der Text für das neue Werk stammt von der Theologin Jacqueline Keune. Mit dem Festumzug, dem gemeinsamen Gottesdienst und den kulturellen Beiträgen geht das Jubiläumsjahr, das die historische Bedeutung der Badener Disputation würdigte und zugleich ein Zeichen für Dialog, Verständigung und friedliches Zusammenleben in der Gegenwart setzte, langsam zu Ende.