Ein Leben für den Kulturbetrieb

Vor 40 Jahren starteten Astrid und Dieter Andermatt in ihrer Schüür mit Kulturangeboten und schufen so eine Bühne für die Gemeinschaft im Surbtal.
Die Kluturschüür Degermoos feiert das 40-Jahr-Jubiläum des Kulturbetriebs im Weiler. (Bild_zVg)

Lengnau – Angefangen habe alles mit einem Volkstanz, erzählt Astrid Andermatt (70). Von Baden aus kamen die Volkstänzerinnen und Volkstänzer in den Weiler Degermoos. Heute blickt man auf 40 Jahre Kulturbetrieb in der Surbtaler Gemeinde zurück. Ein Projekt, das organisch gewachsen ist und sich mit den Jahren professionalisieren musste.
«Für uns war es eine unglaubliche Bereicherung, die Künstlerinnen und Künstler bei uns daheim zu haben. Teilweise haben sie bei uns geschlafen. Das führte zu einer ganz beson­deren Verbindung», erzählt Dieter ­Andermatt (75) über das kulturelle Wohnzimmer in ihrer Schüür.
Es folgten private Feiern, Kinderanlässe, ein langsamer Ausbau der Schüür und das ein oder andere ­«Hailights» (1999 mit Ursus & Nadeschkin). Im Jahr 2000 schloss sich der Kulturkreis Endingen, zu dem man inzwischen gehörte, zum Kulturkreis Surbtal zusammen. Heute zählt man über 350 Mitglieder, wovon ­einige zu den Freunden der Kulturschüür gehören.

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Astrid Andermatt im Jahr 1989. (Bilder: zVg)

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Der Zeit voraus
«Wir sind damals als Lehrerpaar in eine alte Struktur gezogen. Wir hatten eine Wohngemeinschaft mit Freundinnen und Freunden, bis wir dann selbst drei Kinder hatten. Es war immer eine Handvoll Leute da, die überall mitgeholfen haben. Es war ein sehr offenes Haus», erinnert sich ­Astrid Andermatt an die Anfangszeit. Gemeinsam konnte man etwas auf die Beine stellen.
So organisierte man in den 40 Jahren rund 160 Veranstaltungen. Mit viel Aufwand und Leidenschaft für bis zu 200 Leute in der Schüür. Mit den Jahren hat das kulturbegeisterte Ehepaar selbst neue Kunst- und Darbietungsformen für sich entdeckt. «Wir haben angefangen, Sachen zu lieben, die wir gar nicht gekannt haben», sagt Astrid Andermatt. Nur die Klassik hat man lieber der Synagoge und den Aulas überlassen. Die Bühne teilte sich Franz Hohler hier mit der Hauskatze, während die Fledermäuse den Celloklängen lauschten. Modern, schräg und vor allem Jazz sei man gewesen.
Neben zum Teil ganzjährigen Kunstprojekten im Tal wurden hier bereits Poetry-Slams abgehalten, als man diese sonst nur im Zürcher Kreis 5 hören konnte. Und es kam vor, dass Künstler und Künstlerinnen in der familiären Umgebung übernachteten, wenn es einmal zu spät wurde, und am nächsten Tag mit den Kindern der Andermatts spielten. So wurde die Schüür zur Bühne, zum Atelier und zur Anlaufstelle für Gemeinschaft. «Man ist nicht mitten im Dorf, sondern draussen im Weiler», betont ­Dieter Andermatt. Die Anreise per Velo, Shuttlebus oder zu Fuss war ein Teil des Abends, der Erfahrung.

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Eine besondere Atmosphäre. (Bilder: zVg)

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Kultur als Lebenselixier
Vor sechs Jahren wollte das Ehepaar die Verantwortung über den Kulturbetrieb in ihrer Schüür endgültig übergeben. Die jetzige Präsidentin des Kulturkreises Katja Tüscher-Birchmeier übernahm die Aufgabe, auch weil sie am längsten dabei war. Durch die Coronapandemie war es allerdings ein mehr als unglücklicher Zeitpunkt. «Das Qualitätsniveau war hoch, der Druck gross», sagt Astrid Andermatt. Die Schüür stellt man gern zur Verfügung, aber wenn man selbst überall mithilft und beteiligt ist, ist der Übergang zur nächsten Generation schwierig. «Jede Generation muss ihren eigenen Weg finden», so Astrid Andermatt. Und ihr Mann fügt an: «Für sie ist es Arbeit geworden, das war es für uns nie. Es war stets ein Treffen im Freundeskreis.»

Hinzu kommen ein älter werdendes Publikum, Nachwuchsprobleme wie in so vielen Vereinen der Region und die Frage, wen man heute mit dem Kulturprogramm ansprechen möchte. «Wir sind älter geworden, ein Grossteil ist über 70 Jahre alt. Man ist am Abend nicht mehr so ausgehfreudig. Und die jungen Leute auf dem Land engagieren sich nicht mehr im Kulturkreis», hält Astrid Andermatt fest. Die Frage, wie es weitergeht, beschäftigt sie sehr. Selbst wenn es mittelfristig keine finanzielle Frage sei. Langfristig würde man aber mit ausbleibenden Sponsoren und Mitgliederbeiträgen die finanzielle Grundlage verlieren.


Für das Jubiläum am kommenden ­Wochenende habe man früh mit der Planung angefangen und sich bewusst für Bühnengäste entschieden, zu denen man eine persönliche Beziehung aufgebaut habe. Auch wenn die ganz grossen Stars wie Ursus & Nadeschkin zu gross für die Schüür geworden sind. Neben dem jeweiligen Hauptprogramm mit Vera Kaa mit Gallxi am Freitag sowie Philipp Galazia und Luna-Tic am Samstag erwartet man den ein oder anderen namhaften Gast. So wird Regierungsrat und Kulturfan Dieter Egli ein Grusswort ausrichten.
Für die Kulturschüür ist es das erste Jubiläumsfest dieser Art – und ein ­persönlicher Abschluss für Astrid und Dieter Andermatt. Man werde die Schüür weiterhin bereitstellen, aber die jetzigen Verantwortlichen könnten sich nicht emanzipieren, wenn man immer da sei.
«Das Highlight ist das Ganze», erklärt Dieter Andermatt. Und seine Frau ergänzt: «Es ist wunderbar, dass wir so lang zusammen mit Freundinnen und Freunden so etwas auf die Beine stellen konnten. Andere haben ein Boot oder machen eine Weltreise, wir leisten uns eine Kulturschüür.»

Freitag, 12. Juni, ab 18 Uhr
Samstag, 13. Juni, ab 17 Uhr
Kulturschüür Degermoos, Lengnau