Jahrzehnte unschuldig in der Todeszelle

Der US-Amerikaner Daniel Gwynn sass fast 30 Jahre lang unschuldig im Gefängnis. An der Kanti Baden berichtete er von seiner Erfahrung.
Daniel Gwynn hat Schreckliches erlebt, lässt sich aber nicht unterkriegen. (Bbild: sim)

Baden – Daniel Gwynn ist ein autodidaktischer Künstler und engagierter Redner. Der US-Amerikaner wurde 1995 in Pennsylvania zu Unrecht wegen Brandstiftung und Mordes zum Tode verurteilt und sass fast drei Jahrzehnte lang hinter Gittern. Erst 2023 wurde sein ­Todesurteil aufgehoben, und am 28. Februar 2024 wurde er für unschuldig erklärt und freigelassen.
Im Rahmen einer Vortragsreise durch Europa weilt Daniel Gwynn derzeit in der Schweiz. In Bern, Lausanne und Zürich erzählt er seine persönliche Geschichte. Am Dienstagmorgen sprach er zudem an der Kantonsschule Baden zu etwa 160 Schülerinnen und Schülern. Noch vor dem Referat an der Kanti sprach die «Rundschau» mit dem heute 56-Jährigen.

Vergeben statt toben
Die Rückkehr in ein Leben in Freiheit nach so langer Gefangenschaft sei erschreckend und wunderbar gewesen, sagt Daniel Gwynn. «Die neue Technologie und die Menschen waren erstaunlich. Ich begegnete vielen Menschen, die wütend sind und es schwer haben im Leben. Trotzdem fühlt es sich gut an, wieder unter Menschen zu sein.»
Daniel Gwynn selbst ist nicht wütend, obwohl er Jahrzehnte unschuldig und unter strengen Haftbedingungen eingesperrt war. «Ich war anfangs wütend, habe aber gelernt, dass mich das nicht weiterbringt», erklärt er. «Ich habe im Gefängnis stattdessen gelernt, loszulassen und zu vergeben.» Seine unverdiente Haftstrafe ertrug er vor allem mit der Hilfe von Gott und der Malerei. Seine Kunstwerke, die in den Tiefen des Todestrakts entstanden, waren und sind seine Stimme an die Welt, in denen er Einblick in seinen langen Kampf für Gerechtigkeit und seine persönliche Entwicklung gibt. «Die Kunst hat mir geholfen, zu heilen», meint der Amerikaner rückblickend. «Schon während des Prozesses, als ich nicht wusste, wie mir geschah, habe ich mich dabei erwischt, wie ich zeichnete.»

Daniel Gwynn möchte mit seiner Geschichte inspirieren und Menschen in schweren Lebenslagen helfen. (Bild: sim)


Doch der Reihe nach: Daniel Gwynn kam 1970 in West Philadelphia im US-Bundesstaat Pennsylvania zur Welt. Er wuchs bei seiner Grossmutter auf, brach mit 17 Jahren die Highschool ab und arbeitete danach in verschiedenen Berufen, darunter als Tellerwäscher, Koch und Hausmeister. Im November 1995 nahm sein Leben eine unerwartete und dramatische Wende. Daniel Gwynn wurde fälschlicherweise wegen Brandstiftung und Mordes angeklagt und später zum Tode verurteilt. Ihm wurde zur Last gelegt, für einen Brandanschlag auf ein Gebäude in West Philadelphia verantwortlich zu sein, der am 20. November 1994 begangen wurde und bei dem eine Frau ums Leben kam. Aufgrund eines erzwungenen Geständnisses, das nicht mit den Spuren am Tatort übereinstimmte, und einer Zeugenbeschreibung, die nicht auf Daniel Gwynn, sondern auf einen anderen Verdächtigen zutraf, wurde ihm der Prozess ­gemacht.
Ursprünglich hoffte und vertraute der Angeklagte darauf, dass die Jury im Laufe des Verfahrens die Fehlerhaftigkeit der Anklage erkennen und ihn freisprechen würde. Doch stattdessen wurde er für schuldig befunden, und die Jury stimmte ausserdem für Daniel Gwynns Hinrichtung.

Autodidaktische Ausbildung
Die kommenden Jahrzehnte sollten für Daniel Gwynn geprägt sein von Angst und Ungewissheit. Der Verurteilte verbrachte Jahrzehnte damit, vor staatlichen und Bundesgerichten seine Unschuld zu beteuern. Auch hierbei kam ihm seine Leidenschaft für Malerei zugute. «Ich konnte meine Bilder verkaufen und von dem Erlös Bücher kaufen. Ich holte mir Rechtsbücher, um meinen Fall besser zu verstehen, und Kunstbücher, um meine Malerei zu verbessern», erklärt ­Daniel Gwynn. Zudem machte er während seiner Haftzeit einen Schulabschluss und einen Abschluss als Rechtsanwaltsgehilfe.
Schliesslich waren seine Bemühungen trotz aller Widrigkeiten von Erfolg gekrönt. Nach umfangreichen Ermittlungen in den Jahren 2016 und 2020 stellte sich heraus, dass Polizei und Staatsanwaltschaft im Prozess bedeutende Informationen zurückgehalten hatten, die auf einen anderen Verdächtigen hinwiesen. Nach zähem ­juristischem Kampf vor diversen ­Instanzen erreichte Daniel Gwynn, dass sein Prozess überprüft wurde, was schliesslich in einen Antrag auf Verfahrenseinstellung seitens der Staatsanwaltschaft und in seine Freilassung mündete. Eine Wiedergut­machung hat er – in Einklang mit den geltenden Gesetzen – nicht erhalten.
Seit seiner Freilassung hat sich ­Daniel Gwynn zu einer einflussreichen Persönlichkeit in der Kunst- und Motivationsszene entwickelt. Wo immer er kann, teilt er seine Geschichte von ­unrechtmässiger Verurteilung und Durchhaltevermögen, um andere zu inspirieren. In dieser Mission war ­Daniel Gwynn am Dienstag an der Kanti Baden zu Gast. Vor den Schülerinnen und Schülern rekapitulierte er seinen Lern- und Leidensweg. Die Schar lauschte gespannt den Ausführungen und wollte danach neben vielen weiteren Details vor allem wissen, wie Gwynn totz seiner Geschichte so bodenständig bleiben konnte und nicht den Verstand verlor.