Möbel von Simmen, Pfister und Ikea

Aargauer Firmen haben Schweizer Wohn- und Büroräume mitgeprägt. Eine ­Brugger Firma hatte einen ­bedeutenden Anteil daran.
Die Zeichnung von Hans Buser für die Einrichtung des Tea Room Brändli in Aarau. (Bild: zVg)

Der Aargau hat viele Möbelfirmen hervorgebracht, die über den Kanton hinaus bekannt waren und zum Teil bis heute wichtig sind. Mit der Publikation «Möbelindustrie und -handel seit 1870» beleuchtet Museum Aargau diese Erfolgsgeschichte.
Ein Kapitel Schweizer Kulturgeschichte wird damit sichtbar, das bislang wenig Beachtung fand – obwohl der Kanton Aargau ein bedeutender Standort von Möbelproduktion und -handel war. Regionale Werkstätten und später industriell organisierte Betriebe produzierten eine breite ­Palette an Möbeln: vom schlichten Bauernkasten über funktionale Schlaf-
zimmer bis zu repräsentativen Esszimmern – und damit eine typisch schweizerische Wohnkultur. Und mittendrin das Brugger Unternehmen Traugott Simmen & Cie.

Von Simmen zu Bea
Die Publikation des Basler Autors und Möbelhistorikers Dieter Pfister por­trätiert unter anderem 20 prägende Firmen: von alteingesessenen Produzenten bis zum schwedischen Möbelhaus Ikea, das 1973 in Spreitenbach seine erste Filiale ausserhalb Skandinaviens eröffnete. Die Traugott Simmen & Cie aus Brugg ist in dem Buch prominent vertreten. Der Firmengründer Traugott Simmen-Häny (1864–1939) gilt als Generalist, der eine grosse Möbelpalette anbot und sich zu einem führenden Hersteller in der Schweiz entwickelte. Er war an den Landesausstellungen 1914 in Bern und 1939 in Zürich dabei und ­betrieb Läden nicht nur in Brugg, sondern auch in Lausanne und Zürich.
Begonnen hat Simmen an der Hauptstrasse 8 in der Nähe der Altstadt, 1947 wurde ein Neubau im «Steiger» bezogen, wo damals – zwischen Aare und Aarauerstrasse – die erste reine Industriezone Bruggs entstand. Als die Möbelfabrik 1976 ihren Betrieb einstellte, wurde die Liegenschaft von der Bea + Poly-Verlags AG übernommen, die heute unter dem neuen Namen BEA Swiss dort auch mit einem Fabrikladen präsent ist.

Das von der Brugger Firma Simmen gefertigte Esszimmer im Landhaus Lohn in Kehrsatz. (Bild: zVg)

Tea-Room Brändli und ­bundesrätliches Gästehaus
Als wichtiger Möbeldesigner wird Hans Buser (1894–1965) vorgestellt. Er hatte in seiner Heimatregion Basel Möbelzeichner gelernt und trat 1924 bei Simmen ein, wo er zum Chefdesi­gner wurde. Bis zu seinem Tod hat er für die Brugger Firma Möbel entworfen und Räume gestaltet. 1945 hat Buser zum Beispiel die Einrichtung des Tea-Rooms Brändli an der Bahnhofstrasse in Aarau entworfen, die vollständig erhalten und bis heute in Betrieb ist. Ebenfalls von Simmen nach dem Plan von Buser gefertigt worden ist das Esszimmer des Landhauses Lohn in Kehrsatz BE. Der Landsitz dient als Gästehaus des Bundesrats, wo schon Staatsgäste wie Winston Churchill und François ­Mitterrand empfangen wurden. Sogar royale Gäste wie Königin Elisabeth und Prinz Philipp von England residierten dort.
Das Buch trägt den Untertitel «Die Qualität des Unauffälligen» und setzt bewusst einen Kontrapunkt zur vertrauten Erzählung der Designgeschichte. Denn während Designklas­siker heute als Ikonen gefeiert werden, richtet das Buch den Blick auf jene Möbel, die den Alltag tatsächlich geprägt haben: unauffällig, funktional und von hoher handwerklicher Qualität.
Aargauer Betriebe orientierten sich zunächst weniger an modisch-kühlen Designformen als am Bedarf eines breiten, mittelständisch geprägten Marktes. So entstanden lang­lebige Möbel – vielfach aus Holz –, die über Generationen hinweg genutzt wurden und in unzähligen Haushalten präsent waren. Erst mit dem gesellschaftlichen Wandel um 1968 trat eine neue Generation von Herstellern hervor, die sich stärker an internationalen Designströmungen orientierte und auch eigenständige Designmöbel entwickelte.
Das Buch verbindet beide Perspektiven: Es würdigt die bekannten Designpositionen, rückt aber ebenso jene «stille» Mehrheit von Möbeln ins Zentrum, die unsere Wohnkultur nachhaltig geprägt hat. Beispiele ­reichen von Betrieben wie Simmen, Wisa Gloria (Lenzburg) oder Woodtly (Aarau) bis zu späteren Designfirmen wie de Sede (Koblenz).
Das Buch zur Möbelindustrie ist bereits das dritte aus der Reihe «Aargauer Industriegeschichten». Band 1 hatte die F. Aeschbach AG in Aarau zum Thema, Band 2 die Zweifel Pomy-Chips AG in Spreitenbach.