Verantwortung auf unserem Teller

Sonja Keel forscht zu landwirt­schaftlichen Treibhausgasemissionen. Durch gesündere Ernährung könne jeder zur Reduktion beitragen, sagt sie.
Sonja Keel in ihrem Garten. (Bild: mk)

Ehrendingen – Kann der Boden schlucken, was der Mensch zu viel ausspuckt? Wie können wir Pflanzen für uns arbeiten lassen? Hilft gesundes Essen dem Planeten? Und warum ist Lachgas eine ziemlich ernste Angelegenheit?
All das beschäftigt Forscherin Sonja Keel in ihrer täglichen Arbeit. Die 49-jährige Ehrendingerin ist Teamleiterin bei Agroscope, dem Kompetenzzentrum des Bundes für landwirtschaftliche Forschung in der Schweiz. Ihre Hauptaufgabe ist eine besondere Jahresrechnung: Sie be­ziffert, ob die landwirtschaftlichen Böden in der Schweiz insgesamt
mehr Kohlenstoffdioxid (CO2) auf­nehmen oder abgeben. Je mehr CO2 die Böden aufnehmen und speichern können, desto besser. Was in der Luft bleibt, treibt die Klimaerwärmung weiter an.
«Es gibt Bereiche, in denen man die Emissionen dank technischer ­Innovationen irgendwann auf null senken kann», sagt Sonja Keel. «zum Beispiel im Verkehr, wenn nur noch Elektroautos fahren.» In der Landwirtschaft sei das nicht möglich, deshalb brauche es Methoden, um das Ausgestossene wieder in den Boden zu bringen.

Klimastrategin
Das Ziel der «Klimastrategie Landwirtschaft und Ernährung» ist es, die landwirtschaftlichen Emissionen um 40 Prozent gegenüber 1990 zu senken. «Derzeit haben wir erst 2 Prozent dieser Reduktion erreicht», sagt Sonja Keel.
Neben den Jahresbilanzen untersucht sie mit Modellen, wie die Kohlenstoffbilanz der Ackerböden, Wiesen und Weiden verbessert werden kann. «Mit Humusaufbau kann man CO2 aufnehmen und speichern», ­erklärt die Biologin. «Oder je nach ­organischem Dünger – Mist, Gülle oder Kompost – bleibt das Kohlen­dioxid kürzer oder länger im Boden ­gebunden.» Und wandle man Biomasse in Pflanzenkohle um – dabei wird das Material erhitzt, aber nicht verbrannt –, bleibe der Kohlenstoff darin sehr lang gespeichert. Ein weiterer Baustein sei, brachliegende Böden zu vermeiden: «Unbewachsene Erde setzt CO2 frei», weiss Sonja Keel. «Setzt man dagegen Zwischenkulturen, nehmen diese Pflanzen CO2 aus der Luft auf, weil sie es für ihr Wachstum brauchen, und bringen es in den Boden ein.» All das sei nichts Neues, sondern altes Wissen und längst angewendete Praxis, sagt die Wissenschaftlerin. Es gehe darum, das grösstmögliche Potenzial aus den verschiedenen Methoden zu schöpfen.

Basler Biologie
Sonja Keel ist in ihrem Berufsleben weit gereist. Die Herkunft hört man ihrem weichen Basler Dialekt an. In der Rheinstadt studierte sie Biologie, später doktorierte sie am Paul-Scherrer-Institut und an der Uni Basel. Stellen als Jungwissenschaftlerin führten sie für zwei Jahre nach Nordschweden und für zweieinhalb Jahre in die USA, wo sie den Kohlenstoffkreislauf in Wäldern erforschte. Von beiden Orten sind ihr die flachen Hierarchien in Erinnerung geblieben: «In Schweden sind fast alle per Du, niemand schreibt seinen Professorentitel an. Erst mit der Zeit erkennt man die Rangordnung.» In den USA hätten die jungen Leute sehr viel Respekt bekommen, «Fähigkeiten waren wichtiger als Erfahrung». Zurück in der Schweiz, arbeitete sie an der Uni Bern, bevor sie vor zwölf Jahren nach Zürich Affoltern zu Agroscope kam. Hier betreut sie nun selbst junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler.
Seit 15 Jahren wohnt Sonja Keel in Ehrendingen. Gekommen sind sie und ihr Mann wegen der Nähe zur Lägern, wo man Bergläufe machen und die Natur geniessen kann. «Wir leben ohne Auto, deshalb schätzen wir den guten Anschluss an den öffentlichen Verkehr und dass es alles fürs tägliche Leben gibt», sagt sie. Zudem sei es schön, an einem Ort zu leben, «wo man sich noch grüsst». Entsprechend engagiert sie sich bei den Frauen im Zentrum und half beim Dorffest und bei der Kinderkleiderbörse mit.
Neben ihren Hauptaufgaben leitet Sonja Keel bei Agroscope wechselnde Studien. Eine betrifft Lachgasemissionen, die entstehen, wenn Mikroben Stickstoffdünger umwandeln. «Stickstoff ist nötig für das Pflanzenwachstum», sagt die Biologin, «aber das entstehende Lachgas ist ein hochwirk­sames Treibhausgas, viel stärker als CO2!» Um die Emissionen zu reduzieren, müsse gezielter gedüngt werden, zudem sei die Freisetzung stark wetterabhängig. «In den Aufzeichnungen schlägt die Lachgaskurve je nach Wetterlage plötzlich hoch aus.» Düngen zum richtigen Zeitpunkt könne also hohe Emissionen verhindern.
Die Forscherin möchte aber der Landwirtschaft nicht die ganze Verantwortung übertragen. «Ein grosser Treiber bei den Treibhausgasemissionen ist der Konsum von Fleisch und Milchprodukten.» Der Trend gehe dahin, mehr Tierprodukte zu essen, weil wir es uns leisten könnten. «Hinzu kommt die Verschwendung von Lebensmitteln, die wir zu viel eingekauft haben.» Unser Konsum sei eine wichtige Stellschraube, um die Emissionen in der Landwirtschaft zu senken.
Auch die Ernährung war schon Teil einer Agroscope-Studie zur Kohlenstoffbilanz. Darin zeigte sich, dass die Menschen in der Schweiz im Durchschnitt zu viel Zucker und Fett konsumieren. «Sie halten sich nicht an die Ernährungspyramide», erklärt die Ehrendingerin. «Würden sie das tun, also unter anderem mehr Gemüse und weniger Fleisch essen, würden die landwirtschaftlichen Emissionen ebenfalls zurückgehen.» Ausgewogenere Kost täte nicht nur dem Körper, sondern auch dem Planeten gut.
Sonja Keel selbst wurde schon vor 30 Jahren zur Vegetarierin – lang bevor sie wusste, dass das dem Klima förderlich ist. «Seit ich in diesem Bereich forsche, haben wir allerdings mehr Diskussionen übers Essen daheim», sagt die zweifache Mutter lachend. Denn ausser ihr ässen alle Familienmitglieder ziemlich gern Fleisch.