«Alter ist nur eine Zahl»

Roland Spörri begann erst vor einem Jahr mit Karate. Heute gilt der 74-Jährige im Karatezentrum in Baden als Inspiration für alle Generationen.
Dem Altern Paroli bieten. Roland Spörri begann erst im Alter von 73 Jahren mit Karate. (Bild: zVg)

Baden – Als Roland Spörri im letzten Jahr zum ersten Mal die Karatematte der Schule Euro Tang Soo Do Baden betrat, war er 73 Jahre alt und neugierig. «Ich wollte wissen, ob ich mir das noch zutraue», sagt er. «Und ich wollte etwas Neues lernen.» Seit diesem ­Moment steht er zweimal pro Woche im Dojang Seite an Seite mit Sportlerinnen und Sportlern, die oft Jahrzehnte jünger sind als er. Er wärmt sich gewissenhaft auf, übt Grundtechniken, wiederholt Bewegungsabläufe, feilt an Details. «Ich habe gemerkt, dass Fortschritt nicht vom Alter abhängt, sondern davon, wie oft man ­etwas übt», sagt er.
Sein Weg begann unspektakulär, doch seine Haltung machte ihn rasch zu einer besonderen Figur im Verein. Während andere über ihre Grenzen sprechen, arbeitet Roland Spörri einfach an ihnen. «Er kommt, trainiert, hört zu, fragt nach, probiert aus und bleibt vor allem dabei», sagt Petra ­Tsiompanidou, Trainerin beim Verein Euro Tang So Doo Baden. «Das beeindruckt uns alle.»

Ausdauer und eiserne Disziplin
Kaum zu glauben, dass Roland Spörri als Jugendlicher Sport eigentlich gar nicht mochte. «Ich schrieb lieber eine Matheprüfung, als in die Turnstunde zu gehen», so der Neuenhofer. Für seinen Vater, der viel Wert auf sportliche Ertüchtigung legte, war es schwierig, die Unsportlichkeit seines Sohnes zu akzeptieren. «Das Einzige, was in meinem Leben überhaupt etwas mit Sport zu tun hatte, war die Leidenschaft für das Modellfliegen, die ich mit ungefähr 14 Jahren entdeckte», witzelt der ehemalige Polizist. Dieses Hobby verfolgte er aktiv und mit grosser Begeisterung.
Als Roland Spörri im fortgeschrittenen Alter aber bemerkte, dass er langsam «einrostet» und es ihm zunehmend schwerfiel, sich ohne Pro­bleme Socken anzuziehen, wurde er stutzig. «Ich war auch nicht mehr in der Lage, stehend in ein Hosenbein zu schlüpfen. Dafür musste ich mich hinsetzen.» Deshalb kam das Inserat, das er in der Zeitung entdeckte, gerade rechtzeitig. Darin wurden Karatekurse für Seniorinnen und Senioren beworben. Er meldete sich für eine Schnupperstunde an und entschied, diesen Kampfsport zu erlernen. Anfangs erhielt er sogar Einzelunterricht. Da er sich aber wohler in einer Gruppe fühlt, wechselte er später zum Gemeinschaftstraining.

Roland Spörri hat Karate vor einem Jahr für sich entdeckt. (Bild: zVg)

Konfidenz durch Bewegung
Roland Spörris allgemeines Wohlbefinden hat sich seither spürbar verbessert. «Mit dem Karatetraining fühle ich mich selbstsicherer. Ich denke, ich habe schon so viele Abwehrgriffe gelernt, dass ich einen Angriff erfolgreich abwehren könnte», sagt der 74-Jährige. Kampfkünste seien weit mehr als Selbstverteidigung. Für ältere Menschen seien sie eine ganzheitliche Möglichkeit, um Gesundheit, Selbstständigkeit und ­Lebensqualität zu fördern, ergänzt Petra Tsiompanidou. Die Kurse können zudem gerade im Alter dabei helfen, Gleichgewicht, Kraft, Beweglichkeit und Koordination zu stärken, und das Sturzrisiko senken. Daneben wirkt sich das Training positiv auf die Ausdauer und das Körperbewusstsein aus und kann für die Konzentration und das Gedächtnis förderlich sein.
Regelmässige Bewegung im Alter erhält die Mobilität und hilft, das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu reduzieren. Auch das Selbstvertrauen kann durch körperliche Ertüchtigung gefördert werden. Ausserdem wirkt sie Stress entgegen und ­eröffnet oft die Gelegenheit, soziale Kontakte zu pflegen und neue Menschen kennenzulernen. Überdies werden Körperhaltung sowie Körper­bewusstsein verbessert.
Kampfkünste verbinden körperliches Training mit mentaler Aktivität und sozialem Austausch. Teilnehmende berichten von mehr Energie und besserem Gleichgewicht.

Vorbild für jede Generation
Diesen Februar wurde Roland Spörri für sein aussergewöhnliches Engagement ausgezeichnet. Die Ehrung kam für ihn überraschend. «Ich mache doch nur mein Training», sagte er damals bescheiden. Doch genau diese Bescheidenheit macht ihn so besonders. Seine Präsenz im Dojang wirke inspirierend, meint die 5.-Dan-Meisterin Petra Tsiompanidou, die über mehr als 35 Jahre Erfahrung verfügt. Nicht nur für Gleichaltrige, sondern auch für die Jüngeren, die sehen, wie konsequent er arbeitet. «Wenn Roland Spörri so dabeibleibt, dann habe ich keine Ausrede», sagt Valentina Nobs lachend, die ebenfalls den Kurs besucht. «Er motiviert uns alle.»
Roland Spörri ist trotz fortgeschrittenem Alter ehrgeizig und zielstrebig. Im Juni hat er den orangen Gürtel erworben. Seine Geschichte zeigt, wie viel möglich ist, wenn man sich selbst eine Chance gibt. «Alter ist nur eine Zahl. Man muss einfach anfangen», sagt er. «Und dann dabeibleiben. Der Rest kommt mit der Zeit.» Sein Weg ist ein Beispiel dafür, dass sportliche Entwicklung nicht an die Zahl der Geburtstage gebunden ist, sondern an der Bereitschaft, sich stets neuen Herausforderungen zu stellen. Roland Spörri lebt diese Haltung vor, Tag für Tag, Training für Training.