Mauersegler im Hitzestress

Der Autor und seine Frau Edith betreuen zwei Mauersegler-Kolonien – und waren in den Hitzeperioden im Dauereinsatz.
Mauersegler im Formationsflug. (Bild: bhe)

Brugg – Zu Beginn dieses Sommers sah es in den Mauersegler-Kolonien, die vom Verein Birdlife Brugg in der Region betreut werden, nach einer guten Brutsaison aus. Das Referenzpaar in der Webcam-Brutnische im Schwarzen Turm traf schon früh im Mai ein, am 8. Juni schlüpften zwei Jungvögel und verliessen das Nest schliesslich am 21. Juli. Die erste Einflugzählung am 22. Juni der 84 Nistplätze umfassenden Kolonie beim Werkhof Brugg zeigte eine leicht überdurchschnittliche Belegung.
Auch bei der Kolonie im Dachgeschoss der Klosterkirche Königsfelden konnte nach den durch die Kirchenrenovation 2023/24 zurückgegangenen Brutzahlen wieder eine erfreulich zunehmende Belegung festgestellt werden. Die seit dem Mai eher trockene Witterung bescherte den Mauerseglern eine gute Futtersituation, und sie kamen bei ihren abendlichen Flügen in die höheren Luftschichten mit reichlich Insektennahrung zurück zu ihren Nestern. Frühere Jahre waren in dieser entscheidenden Phase oftmals nass und kühl, dann mussten die Schnellflieger in weit entfernte, trockenere Gebiete ausweichen. Sie waren manchmal mehrere Tage zum Futtersammeln unterwegs. Die jungen Mauersegler überstehen diese nahrungslose Zeit, indem sie in eine Art Kältestarre – Torpor genannt – fallen. In diesem Jahr war alles anders.

Schweizweiter Mauersegler-Notstand
Ab Mitte Juni zeigte die Wetterentwicklung nur in eine Richtung: immer heisser und immer trockener. Für die oftmals unter aufgeheizten Dächern brütenden Mauersegler bedeutet das Hitzestress pur. Die Jungvögel verlassen das Nest, und weil sie noch kein flugfähiges Gefieder besitzen, stürzen sie in die Tiefe, wo sie nur herumlaufen und irgendwo Deckung suchen können. Dabei werden sie Opfer von Krähen, Katzen und anderen Prädatoren.
Immer wieder wurden in der Umgebung wohnende Menschen auf die verunglückten Jungvögel aufmerksam und nahmen sie in Obhut. Über persönliche Bekanntschaften, Nachfrage bei anderen Vereinsmitgliedern, in einem Fall sogar über ChatGPT, kontaktierten sie uns, und wir vereinbarten eine möglichst rasche Übergabe. So mussten wir in der Woche nach dem 22. Juni täglich – manchmal mehrmals – «ausrücken», um abgestürzte Mauersegler abzuholen. Die Jungvögel müssen regelmässig gefüttert werden. Edith Herzog hat hierfür die nötige Erfahrung aus ihrer früheren Tätigkeit für eine regionale Vogelpflegestation. Die Arbeit ist zeitintensiv und erfordert Geduld, macht aber auch Freude.
Zur Entlastung konnten wir Mauersegler an die Vogelpflegestation Oftringen weitergeben – nicht selbstverständlich, denn der Mauersegler-Notstand forderte nicht nur in Brugg, sondern schweizweit so viele Mauersegler-Opfer, dass die nicht sehr zahlreichen Pflegestationen alle längst am Anschlag liefen.
Den Höhepunkt des Dramas erlebten wir am 28. Juni, als wir zu einer Kontrolle bei der Werkhof-Kolonie fuhren. Drei Anwohner bespritzten das Dach, unter dem die Nistkästen hängen, zur Kühlung mit Wasser aus dem Gartenschlauch. Passanten versuchten, Jungvögel, die aus den Kästen heraushingen mit Badetüchern aufzufangen. Mehrere Jungvögel fanden wir verendet in den umgebenden Hecken.

Die aufgefütterten Jungvögel können – falls flugfähig – von der Hand freigelassen werden. (Bild: bhe)

Einsetzen oder Freilassen
Wenn die Jungvögel mit Futter genügend aufgepäppelt sind, kann man sie in die Nester von anderen Altvögeln einsetzen. In den allermeisten Fällen füttern die Adoptiveltern diese «Eingesetzten» und natürlich ihre eigenen Jungen weiter, bis sie flügge sind – eine faszinierende Eigenschaft dieser Vögel. Für das Einsetzen braucht es allerdings zugängliche Nistplätze, was in unserem Fall in Königsfelden und im Schwarzen Turm gegeben ist. Daher konnten wir das Einsetzen von einigen Mauerseglern von der Station Oftringen und der Vogelwarte übernehmen. Allerdings muss man das Einsetzen durch regelmässige Kontrollen im Auge behalten. So sind wir insgesamt zehnmal die steile Wendeltreppe zu den Nistplätzen in Königsfelden aufgestiegen. Zweimal haben wir im Schwarzen Turm eingesetzt und kontrolliert.
Eine weitere Möglichkeit ist, die Jungsegler so lange aufzufüttern, bis sie flugfähig sind. Die Flugfähigkeit lässt sich relativ sicher anhand von Flügellänge, Gefiederzustand und Gewicht beurteilen. Dann kann man den Vogel vom Boden oder von der Hand freilassen, am besten an einem Ort, wo andere Mauersegler fliegen. Es ist ein schöner Augenblick, wenn der – ohne Fremdhilfe wahrscheinlich todgeweihte Vogel – auffliegt, sich den anderen anschliesst und von diesen aufgenommen wird. An dieser Stelle sei allen gedankt, die sich in irgendeiner Form um die Vögel in Not gekümmert und nicht einfach weggeschaut haben!

Was bringt die Zukunft?
Obwohl es auch wieder Regensommer geben wird, ist davon auszugehen, dass sich solche lang anhaltenden Hitzeperioden in den kommenden Jahren wiederholen werden. Als Verein Birdlife Brugg, und koordiniert mit anderen Organisationen des Vogelschutzes, müssen wir uns daher Gedanken machen, wie wir die Auswirkungen für die Mauersegler und andere Gebäudebrüter künftig mit geeigneten Massnahmen etwas abfedern können. Ansonsten könnte es sein, dass wir die im Sommer so vertrauten «Sriee»-Rufe der Mauersegler in unserer Region immer seltener zu hören bekommen.