Untersiggenthal – «Wenn ich morgens mit dem Unterricht begann, war mein Pult noch aufgeräumt», erzählt Ursula Rey. «Aber ziemlich bald lagen hier ein paar Blätter und dort noch ein Stapel.» Sie sei ein bisschen eine Chaotin. Als sie einmal die Kinder ermahnt habe, wieder einmal die wilden Pulte aufzuräumen, habe sie auf ihr eigenes geblickt und gemeint: «Ui, aber ich darf ja nichts sagen!» Da habe ein Mädchen erwidert: «Wissen Sie, aber dafür ist es bei Ihnen gemütlich.»
Es ist eine liebevolle Erinnerung an eine lange, engagierte Schulkarriere, auf die die frisch pensionierte Ursula Rey zurückblickt. 45 Jahre verbrachte sie als Mittelstufenlehrerin, zeitweise auch -leiterin, an der Schule Untersiggenthal, und das sehr gern. «Ich bin traurig gegangen, es gibt kein lachendes Auge», sagt die 67-Jährige, die nach dem Rentenalter noch zwei Jahre anhängte. «Ich verlasse eine Familie. Dieser Teil des Lebens wird mir fehlen.»
Dass Rey Lehrerin werden wollte, war für sie von Anfang an klar. «Damals gab es für Frauen nicht viel Auswahl, vielleicht noch Krankenschwester oder Sekretärin.» Das Lehrerseminar sei noch nicht sehr pädagogisch gewesen, das Unterrichten danach mehr ein Learning-by-Doing. «Wer das überlebte, blieb, die anderen wechselten den Beruf.» Ursula Rey ging in ihrer Aufgabe auf, sie hatte ihre Berufung gefunden. Als Praxislehrerin für Studierende der Höheren Pädagogischen Lehranstalt (HPL) und der Fachhochschule (FH) hinterfragte sie selber immer wieder ihren eigenen Unterricht. Nach kurzen Abstechern in die Real und die Sek blieb sie in der Mittelstufe «hängen», also der 3. bis 5., seit der aargauischen Strukturreform der 4. bis 6. Klasse. «Es ist ein gutes Alter: Die Kinder sind noch sehr offen und begeisterungsfähig, aber schon auf dem Weg zur Jugendlichkeit. Sie verstehen Witze und sind schon ziemlich selbstständig.»
Diese Selbstständigkeit zu fördern, war ihr ein grosses Anliegen. «Den Kindern wird oft zu wenig zugetraut. Manche Erwachsene möchten ihnen nicht einmal eine Schere in die Hand geben, weil das zu gefährlich sei.» Dabei müssten die Kinder ausprobieren können, auch mal ein Risiko eingehen. «Hinfallen und sich verletzen, mal ein Loch im Kopf haben – das sind natürliche Sachen, die passieren können.» Man solle ihnen Verantwortung übergeben, auch im Unterricht, «dann sind sie bereit, etwas zu leisten». Eines von Ursula Reys Lieblingsprojekten war der Ausflug in der 5. Klasse: Eine Vierergruppe Schüler und Schülerinnen plant eine Tagesreise im Aargau, die mindestens drei Destinationen umfasst, inklusive Fahrpläne, Aktivitäten vor Ort und Zeitmanagement. Sie führen den Ausflug auch selbstständig durch, werden aber aus Distanz von einem «Schatten» begleitet. «Es ist wichtig, im Unterricht Zeit für solche Projekte zu haben, denn sie fördern wichtige Alltagsfähigkeiten.»
Gemeinschaft und Grenzen
Und was ist das Geheimnis der Schule Untersiggenthal? Wie bleibt man so lange zufrieden an einem Ort? «Wir haben seit 20 Jahren eine sehr engagierte Schulleiterin, die uns immer wieder Weiterbildungen ermöglichte, welche uns Hintergrundwissen und Instrumente in die Hand gaben, um erfolgreich integrativ zu unterrichten», sagt die Döttingerin. Und im Lehrerkollegium herrsche ein enges und offenes Verhältnis: «Wir verstehen uns als Gemeinschaft, reden über Probleme und helfen einander. Wenn jemand zum Beispiel mit einem Kind an die Grenzen kommt, übernimmt es jemand anderes für eine Weile.» In Untersiggenthal gebe es einen hohen Prozentsatz an engagierten, lange bleibenden Pädagogen und Pädagoginnen – und nie Lehrermangel. Aus dem Pool von zehn bis zwölf FH-Studierenden, die jeweils ihr Praxisjahr an der Schule absolvierten, könnten sie immer die Besten anstellen, «und die wollen auch bei uns bleiben».
Das Partnerschuljahr in der FH-Ausbildung wurde von Ursula Rey im Verlauf ihrer Schulleitungstätigkeit mitentwickelt. «Man bleibt ein Jahr lang an der gleichen Partnerschule, hat dort zwei fixe Halbtage plus mehrwöchige Praktika.» So könne man langsam ins Unterrichten reinkommen und bei den erfolgreichen Lehrpersonen abschauen, wie sie es machen. «Denn Theorie ist das eine, aber wie macht man es in der Praxis?» Es komme sehr darauf an, wo die Studierenden im Praktikum seien, ist Rey überzeugt, und was sie von dort mitnähmen. «Die FH allein gibt ihnen wenig Praxisbezug mit, es ist alles auf sehr hohem theoretischem Niveau. Zudem sind die Studierenden sehr frei, in welcher Reihenfolge sie welche Ausbildungsmodule belegen.» Rey plädiert für eine klarer strukturierte Ausbildung, die Grundkompetenzen sichert, bevor das Partnerschuljahr beginnt.
Auch für die Politik hat sie einen Vorschlag: «Bei Kindern, die mit dem Lernstoff stark belastet sind, sollten die Fächer individualisiert werden.» Leistungsschwächere Schüler seien oft total am Anschlag, wenn sie zwei Fremdsprachen lernen müssten. «Sie haben dann lange Französischunterricht und können am Ende doch kaum etwas.» Das bringe nichts, die dafür aufgewendete Zeit könnte man besser nutzen. «Von der Politik wünsche ich mir den Mut, zu sagen: Es müssen nicht alle alles machen», sagt die erfahrene Berufsfrau. «Man soll die Kinder lieber dort fördern, wo sie Potenzial haben.»
Und was wünscht sie den Schülerinnen und Schülern sonst noch? «Gute Lehrpersonen, die ihren Job gerne machen.» Solche, wie Ursula Rey spürbar selbst eine war.