Stilli – Bereits nach der 8. Klasse schmiss der heute 37-Jährige die Schule. Wegen eines Einschulungsjahres hatte er die Schulpflicht schon erfüllt. Trotz den Bemühungen seiner Eltern und einem viermonatigen Aufenthalt im Lernwerk schaffte er es nicht, eine Lehrstelle zu finden.
Stück für Stück fand Oliver Baer jedoch ohne eine formale Berufsausbildung seinen Weg: Er fotografierte für namhafte Kunden, porträtierte die Schweizer Musikszene und drehte Videos, die auf MTV und anderen wichtigen Sendern liefen. Die Fotografie wurde für ihn nicht nur zum Beruf, sondern ein Weg, um Anerkennung zu suchen.
Alkohol als «Schalldämpfer»
Dabei geriet er allerdings immer wieder auf Abwege, vor allem wegen seines masslosen Alkoholkonsums. «Ich lief jahrelang gegen mich selbst an», sagt Oliver Baer rückblickend. Lang fragte er sich, warum er so rastlos sei. «Heute weiss ich es: ADHS. Der Alkohol war mein Schalldämpfer. Mit jedem Schluck wurde es dumpfer, leiser. Meine Gedanken beruhigten sich, mein Körper wurde schwer. Endlich Ruhe. Alkohol wiegte mich in den Schlaf, Nacht für Nacht.» Wie er im Buch beschreibt, gab es Zeiten, in denen seine tägliche Ration aus sechs Flaschen Weisswein bestand. Zwei geschiedene Ehen, Schulden und viele Betreibungen waren die Folgen seines unsteten, vom Alkohol belasteten Lebens.
Im Jahr 2023 kam er zu einem Punkt, an dem er sich sagte: «Entweder bringst du dich jetzt um oder du hörst auf zu saufen.» Mit Unterstützung von seiner Halbschwester schaffte er es, zum Entzug in eine geschlossene Klinik zu gehen. Danach fand er mit Arbeit an einem Marktstand und in der Küche eines Sanatoriums zurück in den Alltag. Das Küchenteam wurde für ihn zu einer Art Ersatzfamilie. Schliesslich trat er eine Stelle als Fotograf für ein Kochmagazin an. Weil diese Arbeit in ihm wieder die Lust auf Alkohol weckte, kündigte er noch in der Probezeit. Mit der Finanzierung über ein Crowdfunding schrieb er letztes Jahr seine Autobiografie «Belichtet und benebelt», die im Februar erschien.
Fotos aus Stilli und Rüfenach
Ein Teil der Bilder im Buch stammt aus Stilli und Umgebung, wie das ehemalige Schützenhaus in Stilli oder ein Oberstufenschulzimmer in Rüfenach. Abgebildet ist ausserdem das Hochhaus an der Widumstrasse 3 in Stilli, wo Oliver Baer mit seiner Mutter, die ihn allein erzog, im fünften Stock wohnte. Als Folge eines Schleudertraumas war sie von Morphiumtabletten abhängig und verbrachte viele Tage liegend auf dem Sofa. Die 2024 Verstorbene hatte ihren Sohn darin bestärkt, Fotograf zu werden: «Oliver, ich weiss, dass Fotografie dein Ding wird. Und du wirst das auch ohne Ausbildung eines Tages erreichen. Du wirst deinen Weg gehen, denn du hast gelernt zu kämpfen und dich zu behaupten», sagte sie ihm, als er ihr als Schüler seine ersten Aufnahmen zeigte, die er von einer Schulfreundin an der Aare gemacht hatte.
Das Vorwort des Buches stammt von Marc Peterhans. Der Geschäftsführer des Blauen Kreuzes Schweiz schreibt, Oliver Baer mache mit seinem Buch anderen Mut, den eigenen Weg aus der Abhängigkeit zu gehen. Er hole «die Alkoholabhängigkeit aus dem Nebel, aus dem Stigma hervor und hilft damit anderen Menschen, ihre Alkoholabhängigkeit zu erkennen, zu ihr zu stehen und erste Schritte zu einem Neustart zu wagen».
Besonders freue ihn, sagt Oliver Baer, der heute in Russikon im Zürcher Oberland lebt, dass er schon viele Rückmeldungen von Menschen erhalten habe, die sich – nach der Lektüre seines Buches – zu einem Entzug entschlossen hätten. Begleitet wurde er bei der Entstehung des Buches vom Ostschweizer Regisseur Florian Stauber, der darüber den Dokumentarfilm «Such(t)en» dreht.