Bözberg – Sie weiss, dass sie einer kleinen Minderheit angehört. In Brugg soll es zwar einen Coach fürs Barfusslaufen geben, er ist ihr aber nicht bekannt. Dann weiss sie noch von je einer Person in Frick und Aarau. Die entsprechende Community ist sehr bescheiden.
«Ich litt seit Längerem an einer Vorstufe des sogenannten Morton-Neuroms, einer Verengung der Fussnervenkanäle», erzählt Dorothea Burkhard, weshalb sie sich für diese heute seltene Fortbewegungsart entschieden habe. «Und Rückenprobleme verlangten nach regelmässigem Lösen durch eine Massage. So war es für mich als neugierige Zeitgenossin nur logisch, mich als Barfussgehende zu versuchen, ganz im Sinne von: Nützt s nüt, so schadt s nüt.»
Zu Beginn sei sie die Sache etwas zu begeistert angegangen, sagt Burkhard, doch bereits nach wenigen Wochen habe sie gespürt, dass es etwas bringe. Tatsächlich verschwanden beide Beschwerden, und die Mutter zweier erwachsener Kinder erfuhr eine deutliche sensorische Horizonterweiterung. Heute erlebt sie einen Marsch über weiches Moos, feuchten Sand, Herbstlaub und benetztes Erdreich als sehr bereichernd. Sogar Schneewanderungen kann sie barfüssig viel abgewinnen, wobei es allerdings auf die Beschaffenheit des kalten Weiss ankommt: Pulverschnee sei unangenehm, Nassschnee hingegen schätze sie sehr, erläutert die studierte Kunsthistorikerin. «Allerdings: Man muss seine Füsse ständig spüren, was auf kaltem Untergrund nicht selbstverständlich ist, denn Kälte verfälscht die Empfindung. Und schon fängt man sich Frostbeulen ein.» Spätestens nach zwei Stunden sei mit Barfusslaufen im Schnee deshalb Schluss.
Nicht missionarisch unterwegs
Die in Baden Aufgewachsene spürt die erstaunten Blicke. Sie hört ab und zu auch halblaute Kommentare wie: «Mami, wieso bewegt sich diese Frau schuhfrei?» Oder: «Bäh, ist das gruusig.» Manchmal reagiere die frisch diplomierte Primarlehrerin und erwidere beispielsweise: «Ich mach das, weil es mir Spass macht.» Als herzige Geste bleibt ihr ein Mann in Erinnerung, der ihr ein Paar Stiefel überreichen wollte, in der Annahme, sie habe offenbar kein eigenes Schuhwerk.
Burkhard ist nicht missionarisch unterwegs. Sie lebt einfach aus, was ihr Freude bereitet und Gesundheit beschert. «Mein Motto ist: leben und leben lassen. Spricht mich jemand an, gebe ich gern Auskunft, so wie damals, als ich barfüssig den Pilatus erklomm. Eine Schar chinesischer Touristen war derart erstaunt, dass sie unbedingt Selfies mit mir machen wollten.» Immer führt sie für den Notfall aber Sandalen oder sogenannte Minimalschuhe mit, also Schuhe, die das Barfussgehen nachempfinden lassen und keine Sprengung – keine Höhendifferenz zwischen Vorfuss und Ferse – aufweisen. Sie garantieren ebenfalls, dass man sich unter dem Schwerpunkt bewegt.
Tritt die begeisterte Wanderin zu jedem Anlass barfüssig auf? «Selbstverständlich nicht. Ich passe mich der Situation und dem Publikum an. Als Primarlehrerin trage ich Fusskleidung, auch an einer Bestattung nehme ich beschuht teil. Ist der Kontext unklar, frage ich nach – wie zum Beispiel während Museumsführungen, die ich als Kunsthistorikerin ebenfalls anbiete, oder als Cellistin im Orchesterverein Dottikon», erklärt Burkhard. «Werde ich aber unhöflich angerempelt, frage ich nach der jeweiligen Hausordnung.» Meist stehe dort – unter anderem in Ausstellungen oder bei Hausführungen – keinerlei Verbot bezüglich Barfussgehens. Ob sie schon Dritte zur Nachahmung animiert hat, kann sie nicht abschätzen. Der Rest der Familie schlüpfe jedenfalls weiterhin ins Schuhwerk.
Dornen und Glassplitter
Die eigenen Füsse pflegt sie übrigens mit grosser Sorgfalt. Verletzungen hat sie bisher nur wenige erlitten. Muss sie dann doch einmal einen Holzspreissel, einen Dorn oder einen Glassplitter entfernen, tut sie das sofort – das Erste-Hilfe-Set hat sie zu diesem Zweck stets dabei.
Das alles mindert die Vorteile des Barfussgehens keinesfalls, «denn die Durchblutung des ganzen Körpers und insbesondere dessen Peripherie verbesserte sich bei mir nach wenigen Tagen nachhaltig, sodass ich heute keine Handschuhe mehr benötige», wie Burkhard erzählt. «Muss ich trotzdem wieder einmal geschlossene Schuhe anziehen, erlebe ich rasch einen Wärmestau.»