Brugg – Vor mehr als 150 Jahren wanderte der damals 23-jährige Brugger Hans Belart nach Konstantinopel aus. Er sollte sein ganzes weiteres Leben dort verbringen. Doch seine Heimat vergass er nie, er war und blieb Brugger, und oftmals nahm er die Strapazen der weiten Reise auf sich und besuchte hier seine Verwandten und den Ort seiner jungen Jahre.
1874 heiratete Hans Belart die Bernerin Rosalie Lanz und gründete mit ihr eine Familie, zu der im Lauf der Jahre vier Kinder kamen: Rosalie, Hans, Fritz und Marica. Es war dann 1883, als sich Rosalie Belart-Lanz entschloss, mit den Kindern per Schiff via Athen, Korfu und Triest und von dort mit der Eisenbahn in die Schweiz zu reisen. Es ist aus heutiger Sicht bemerkenswert, dass sich Rosalie eine so lange, beschwerliche Reise zutraute, waren die Kinder damals doch gerade mal 8, 7, 6 und 3 Jahre alt. Am Freitag, 8. Juni 1883, legte die «Minerva» in Konstantinopel ab, zehn Tage später erreichten die Reisenden zunächst Bern.
Brief an die Schwägerin
Von dort schrieb Rosalie am 1. Juli einen Brief an ihre Schwägerin Ida Siegrist-Belart, die mit ihrer Familie im Sonnenberg lebte, dem heutigen Dufourhaus, vis-à-vis der Kaserne. Rosalie schrieb unter anderem:
«Nun weiss ich wohl, dass mein lieber Hans sein ganzes point d’honneur (= Ehrgefühl) darin setzt, dass seine Kinder am Jugendfest der gesamten Bürgergemeinde von Brugg quasi präsentiert würden – ich frage mich nun, ob Marica schon präsentationsfähig sei? Ob man überhaupt solch dreijähriges Fräulein schon ans Jugendfest zulasse? Wenn ja, würde ich wahrscheinlich Hansens Vaterstolz kränken, wenn ich gerade seinen Liebling von dieser Feier ausschliessen würde. Seid Ihr aber der Meinung, Marica sei noch zu klein für dieses Fest und würde eher stören oder genieren, würde ich dann viel lieber meiner Mama die Freude gönnen, und Marica erst nach dem Jugendfest nachkommen lassen. Was die älteren beiden, Hans und Röseli, anbelangt, so glaube ich, dass sie ganz gerne in der Stadt bleiben würden. Sie haben sich auf der Reise ziemlich viel Selbständigkeit erworben und sind nicht mehr so schüchtern und unbeholfen wie früher. Sie freuen sich beide sehr auf ihren Aufenthalt in Brugg.»
Vater Hans möchte also, dass seine Kinder am Rutenzug und an der Morgenfeier – damals in der Stadtkirche – mitmachen. Die aus der Ferne angereisten Kinder erhielten damals wie alle ortsansässigen ein Jugendfestbrot und einen Batzen. Das wird aus dem Brief deutlich, den Hans am 11. Juli 1883 schrieb, am Vorabend des Jugendfestes. Darin steht:
«Du bist also schon seit Freitag in Brugg, und zwar mit allen Kindern, was recht ist; denn die Kleine macht gewiss auch meinen Geschwistern viel Spass. Ich sehe die Familie im Geiste deutlich am Brugger Bahnhof stehen. Morgen möchte ich nun für mein Leben gern auf Carls Plätzli (vor dem Haus zum Güggel) stehen, wenn der Zug vorbeidefiliert, und sehen, was unsere Kinder für Gesichter machen, ebenso in der Kirche, wenn das berühmte Brot und die übrige Gabe abgefasst wird. Wahrscheinlich sind die Buben schon die vorhergehenden Tage auf der Schützenmatte herumgerülzt, ein Vergnügen, das ich mir als Junge auch immer, im weitesten Sinne des Wortes, machte. Kurz, ich bin dieser Tage ganz wieder in alten schönen Zeiten zu Haus und erinnere mich noch der kleinsten Details.»
Weisses Kleid aus der Ferne
Zwei Jahre später, 1885, liessen es sich Rosalie und Hans Belart nicht nehmen, von Konstantinopel aus ihre Nichten in Brugg mit einem dort angefertigten weissen Jugendfestkleid zu beglücken. Am 8. Juni 1885 schrieb Rosalie an ihre Schwägerin:
«Vergangene Woche habe ich nun noch mit einem Nähmädchen die zwei weissen Kleidchen für Hanni und Dali verfertigt, die mit der letzten Post abgeschickt worden sind. Ich hoffe, sie passen recht gut, und ich möchte als Vögelchen auf den Schützenplatz fliegen, um die beiden in ihrem Jugendfeststaat zu sehen. Ich habe Rosi ein ganz gleiches Kleidchen gemacht.»
Und am 20. Juni: «Die Kinder sprechen wieder viel von Brugg, im Sommer erwacht immer die Erinnerung der schönen Zeit, die wir bei Euch verbracht, sehr lebhaft in ihnen. Nun naht ja auch das Jugendfest; ich hoffe, die weissen Kleider sind nun angekommen und passen gut. Wenn was nicht in Ordnung ist, so lasse es doch durch Deine Schneiderin richten – ich glaube, es fehlt höchstens an der Achselnaht – es darf aber kein accessoir weggenommen werden – die Kleidchen sollen chic sein und stramm anliegen. Röseli hat dasselbe bekommen, und der Herr Papa fand sie ganz nach seinem Geschmack. Hier wird dieser Stoff massenhaft getragen, er wird gewoben von den türkischen Frauen, die im Krieg von Bulgarien und Rumelien hieher geflüchtet sind.»
Das Brugger Jugendfest ist offensichtlich viel mehr als irgendein Jahrmarkt, eine Chilbi. Für jede Bruggerin, jeden Brugger ist es prägend. Manche kehren an diesen Tagen zurück nach Brugg, um am Jugendfest teilzunehmen und die Menschen ihrer Jugend wieder zu treffen. Der Bruder der oben erwähnten Mädchen Hanni und Dali, Ernst Belart, kam noch als hochbetagter Mann regelmässig von seinem Wohnsitz in Nairobi nach Brugg, um hier im Geiste wieder jung zu werden.