Die jungen Reben haben Durst

In Remigen hat es seit Anfang April nicht mehr richtig geregnet. Was das für den Weinbau bedeutet, wurde an einem Rebberg-Umgang sichtbar.
Bruno Hartmann (links) und sein designierter Nachfolger Marc Monnerat stellten die Rebsorten vor. Bild: hpw

Remigen – Das vor 41 Jahren von Bruno und Ruth Hartmann gegründete Weingut in Remigen gehört zu den grösseren und innovativsten aargauischen Privatkeltereien. Es setzt Massstäbe in der umweltschonenden Produktion, der Weinqualität und Pflege der Weinkultur. Aus 16 Hektaren Reben und 17 Traubensorten werden 23 Rot- und Weissweine sowie Spezialitäten gekeltert.
Der Betrieb übernimmt auch das Traubengut von zehn Nebenerwerbswinzern. Dadurch bleibt die 27 Hektaren grosse Gesamtrebfläche von Remigen erhalten. Sie prägt die Landschaftskulisse um das Dorf und macht es zur drittgrössten Aargauer Weinbaugemeinde.

Offenkundiger Klimawandel
In all den Jahren lud das Weingut Hartmann immer wieder zu Rebberg- und Kellerführungen ein, um Inte­ressierte mit der Winzerarbeit und lokalen Weinbautradition vertraut zu machen. Beim jüngsten Samstagabend-Rundgang durch die Reben an der Beugihalde beleuchteten Bruno Hartmann und sein designierter Nachfolger Marc Monnerat sowie der Brugger Naturschützer Heinz Schwarz den Weinbau von einst und jetzt zwischen Villigen und Mönthal, das aktuelle Rebjahr, die heutigen Anbaumethoden und die Biodiversitäts-Förderungen im Rebberg. Wegen des anhaltenden Hitzesommers rückte das Thema Klimawandel und die Folgen für den Weinbau in den Vordergrund.
Selbst Laien bemerkten beim Rundgang, dass der Farbumschlag bei den Trauben bereits eingesetzt hat. Die Ernte wird heuer abermals früher beginnen, nachdem sie schon letztes Jahr rekordhaft früh, im September, zu Ende ging. Der Klimawandel ist für die Winzer Chance und Herausforderung zugleich. Jetzt gedeihen in unserer Region Trauben, die einst nur in südlichen Gefilden vorkamen. Älteren Reben, die metertief wurzeln, kann die anhaltende Trockenheit nicht viel anhaben, hingegen müssen ein- bis dreijährige Neupflanzungen wöchentlich bewässert werden, sonst verdorren sie. In Remigen hat es seit Anfang April nicht mehr geregnet, von wenigen gewittrigen Schauern mit knappen 10-Millimeter-Mengen abgesehen.

Apfel- und Weinsäuren
Zurzeit passiert im Rebberg Entscheidendes: Die in den Trauben eingelagerten Apfel- und Weinsäuren werden abgebaut und in Fruchtzucker umgewandelt. Hilfreich dafür wären warme Tage und kühle Nächte. Hingegen begünstigen anhaltende Tageshitze und Trockenheit den Reifeprozess nicht unbedingt. Die Winzer haben im Hitzesommer 2003 Erfahrungen mit der Klimaveränderung gemacht, die momentane Situation sprengt jedoch die damaligen Verhältnisse. Einen Vorteil hat die Hitzeperiode immerhin: Sie bremst die Population der gefürchteten Kirschessigfliege, die feucht-warmes Wetter zwischen 20 und 25 Grad liebt.
Am zweitletzten Rundgangposten wurden drei Goldzertifikate und eine Silberauszeichnung präsentiert, die das Weingut Hartmann an der International Wine Challenge 2026 für vier Piwi-Weine bekam. Der Betrieb gehört im Anbau pilzwiderstandsfähiger Rebsorten wie Sauvignac, Souvignier gris, Cabernet Jura, Regent, Divico und Vidal blanc zu den Pionieren im Aargau. Damit konnte Bruno Hartmann den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln um 50 Prozent reduzieren und das Weinangebot mit interessanten neuen Aromen erweitern. Ertragsreif werden nächstens auch die Piwi-Sorten Prior und Satin noir, die mit ihrem Gehalt Alternativen zur ausländischen Rotwein-Konkurrenz versprechen.
Vor 2000 Jahren brachten die Römer mit dem Legionärslager Vindonissa auch den Weinbau in unsere Gegend. Wie die antiken Vorfahren die Reben erzogen und den Wein zubereiteten, zeigt das Weingut Hartmann in einem der vier Römerrebberge, die 2008 in Remigen, Villigen, Schinznach-Dorf und Oberflachs angelegt wurden. Die Remiger Anlage ist an einem vielbegangenen Jurawanderweg sowie am Remiger Reb- und Kulturweg gut positioniert. Dort endete der erkenntnisreiche Rebberg-Rundgang mit einer Degustation der Hartmann-Weine sowie einer Präsentation von Maschinen und Gerätschaften für den Rebbau.